10.07.2013, 08:47 Uhr | 0 |

Philadelphia im IT-Fieber Im "Philacon Valley" setzen Start-ups auf Teamgeist

"Das Silcon Valley der Ostküste" – mit diesem Titel möchte sich die Region rund um Philadelphia schmücken. Tatsächlich hat die Millionenmetropole an der US-Ostküste viel zu bieten für Jungunternehmer. Bis nach Kalifornien ist es aber noch ein weiter Weg.

"Wir haben zwei schöne Vororte", scherzt Thomas G. Morr, Geschäftsführer der überregionalen Wirtschaftsförderungsorganisation Select Greater Philadelphia. "Vielleicht haben Sie davon gehört – einer heißt New York City, der andere Washington, D.C." Tatsächlich liegt Philadelphia genau zwischen dem finanzwirtschaftlichen und dem politischen Zentrum der USA. Die "City of Brotherly Love" ist die fünftgrößte Stadt der USA. In der Metropolregion leben heute rund sechs Millionen Menschen.

Außerdem wohnt hier, am Kreuzungspunkt der Staaten Pennsylvania, Delaware und New Jersey angeblich ein Geist: der Gründergeist. Morr nennt seine Stadt bereits das "Silicon Valley der Ostküste" oder kurz "Philacon Valley". Wo bis in die 70er-Jahre Stahl produziert wurde, wächst heute eine prosperierende IT- und Softwareindustrie. Weitere Treiber des Strukturwandels sind die Biotech-, Health Care- und Pharma-Branche.

Drei Universitäten als Kern des Hightech-Booms

Keimzelle des Umbruchs sind die drei großen, innerstädtischen Universitäten: University of Pennsylvania, Drexel University und Temple University. Mit ihren unzähligen Instituten prägen sie ganze Viertel. Philadelphia hat die zweithöchste Studentendichte entlang der gesamten US-Ostküste. Hier leben 120 000 Nachwuchsakademiker, in der Metropolregion sind es gar 300 000. Immer mehr von ihnen sind bereit, im Umfeld ihres Campus zu arbeiten oder neue Unternehmen aufzubauen. "Vor 20 Jahren wollten nur 35 % der Hochschulabsolventen in der Region bleiben.

Heute sind es 65 %", weiß Karen Griffith Gryga, Managing Partner bei DreamIt Ventures, einem branchenübergreifenden Inkubator in Philadelphia. "Der Braindrain kommt zum Erliegen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Serial Entrepreneurs exponentiell. Viele von ihnen wechseln später auf die Finanzierungsseite. Es entsteht gerade eine faszinierende Aufwärtsspirale."

App-Entwickler Det Ansinn, Gründer des Softwareunternehmens BrickSimple, stimmt dem zu. "Es spricht sich herum, dass man nicht mehr nach Kalifornien gehen muss, um in revolutionären Jungunternehmen arbeiten zu können."

Das meiste Wagniskapital fließt weiter nach Kalifornien

Blickt man auf die nackten Zahlen, ist "Philly" aber noch weit weg vom Silicon Valley: Im ersten Quartal 2013 flossen satte 2,22 Mrd. $ in den südlichen Teil der San Francisco-Bay Area. Das sind fast 38 % der Gesamtsumme aller VC-Deals in den USA. Verglichen damit sind die 142 Mio. $ (2,4 %), die in Philadelphia investiert wurden, sehr bescheiden. Entsprechend sind natürlich auch die Verhältnisse bei der Zahl der Deals: Hier führt die Mutter aller Hightech-Standorte deutlich: 274 zu 33.

Die Nase vorn hat der Herausforderer nur, wenn es um die aktivste VC-Gesellschaft geht. Auf Platz 1 steht First Round Capital aus Philadelphia. Das Unternehmen finanzierte immerhin 27 Start-ups im 1. Quartal 2013. Auf den folgenden Plätzen finden sich dann aber vor allem Kalifornier: Gleich zwölf der US-Top 20 stammen aus dem "Golden State".

Geld ist also vergleichsweise knapp in Greater Philadelphia. Die Lösung dieses Problems heißt "Bootstrapping". Dieser Begriff taucht in Gesprächen mit Jungunternehmern aus der Region immer wieder auf. Er stammt aus einer amerikanischen Redewendung. Frei übersetzt: Sich am eigenen Schnürsenkel über den Zaun ziehen. Die Gründer verlassen sich also nicht auf riesige Kapitalspritzen aus den Kassen der Wagnisfinanzierer. Sie wachsen organisch, auf Basis von Erspartem. Hilfreich dabei sind die vergleichsweise niedrigen Büromieten. In der Studentenstadt Boston, ebenfalls an der Ostküste, sind sie etwa dreimal so hoch.

Philadelphia setzt auf Teamgeist

Darren Hill, Mitgründer von Weblinc, sieht im Mangel an Beteiligungskapital sogar einen Vorteil: "Venture Capital ist doch eine Droge. Sie verleitet Gründer dazu, ihren Businessplan so zu schreiben, dass er den Finanzierern gefällt. Dabei verlieren sie das eigene Konzept und ihre Kunden aus den Augen." Weblinc ist ein Anbieter von E-Commerce-Software. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Umsatz von 1,7 Mrd. $.

Ein anderer Begriff, der in der Start-up-Szene in Philadelphia immer wieder auftaucht, ist "Team-Spirit". Hautnah erleben kann man diesen Teamgeist u. a. in der "Indy Hall", einem der ältesten Coworking-Spaces der Welt. Hier, zwischen Graffiti-Kunst, Küchendunst und konstruktivem Chaos, erarbeiten junge Geeks an Highend-Hardware ihre Online- und Mobile Geschäftsmodelle.

Einer von ihnen ist Bula Bhullar. Der gebürtige Südafrikaner baut gerade sharemyspace.com auf, eine Plattform, auf der jedermann seine Werkstatt, seinen Proberaum oder seinen Eisenbahnkeller kurzzeitig zur Vermietung anbieten kann. Bhullar ist Seriengründer und seit Jahren Mitglied in der Indy Hall. "Das beste hier ist der Zusammenhalt", erklärt er. "Wenn ich ein Problem mit Android oder iOS habe, sitzt der nächste Experte höchstens drei Schreibtische weiter. Keiner hier behält sein Wissen für sich. Alle teilen alles – einschließlich der Ravioli vom Vorabend."

An Teilen und Zusammenarbeit glaubt auch Michael A. Nutter. Er ist kein Gründer. Er ist Bürgermeister Philadelphias. Als er hört, dass Journalisten in der Stadt unterwegs sind, um sich die Start-up-Szene anzusehen, springt er zu ihnen in den Bus und gibt die zentrale Losung aus: "We believe in Collaboration!"

Anzeige
Von Stefan Asche | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden