16.10.2017, 13:36 Uhr | 0 |

Deutscher Start-up-Monitor Der typische Gründer ist der junge Hochschulabsolvent

Männlich, gut ausgebildet, im besten Erwerbsalter – das ist der typische Start-up-Gründer in Deutschland. Wo er gründet und mit welchen Schwierigkeiten er kämpft, zeigt eine aktuelle Erhebung.

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Foto: PantherMedia / peshkova

Neugründungen werden in Deutschland durch unterschiedliche politische und wirtschaftliche Programme gefördert. Zwar weisen Experten wie Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries seit Jahren darauf hin, dass es in der Bundesrepublik zu wenig Wagniskapital zur Wachstumsfinanzierung gebe. Doch Start-ups sind dennoch fester Bestandteil der deutschen Wirtschaft. Und die jungen Unternehmen stellen schon eine beachtenswerte Zahl an Arbeitsplätzen zur Verfügung: Im Schnitt beschäftigt ein Start-up in Deutschland rund 11 Mitarbeiter.

Wer gründet in Deutschland?

Am aktuellen Start-up-Monitor (DSM) haben sich 1.837 Start-ups, bzw. 4.245 Gründerinnen und Gründer beteiligt. Wobei Gründerinnen noch immer unterrepräsentiert sind. Zwar nehmen immer mehr Frauen das Abenteuer Gründen auf sich, doch ihr Anteil wächst auf gerade einmal 14,6%. Ein Grund liegt wohl darin, dass Start-ups im Gegensatz zu regulären Existenzgründungen besonders innovativ und wachstumsgetrieben sind und überdurchschnittlich häufig aus den Wirtschaftswissenschaften und den Mint-Fächern kommen. Gerade in Mint (Mathematik, Technik, Ingenieur- und Naturwissenschaften) sind ohnehin weniger Frauen zu finden als Männer.

Die meisten Gründer (45,6%) sind zwischen 25 und 34 Jahre alt. Nur rund 5% sind jünger oder zum Zeitpunkt der Gründung bereits 55 Jahre alt. Die meisten Gründer sind also im perfekten Erwerbsalter und sie gründen immer weniger aus der Not heraus. Vielmehr führt die gute Situation auf den Arbeitsmärkten zu mehr sogenannten „Chancengründern“. Was natürlich nicht heißt, dass sich die Deutschen Hals über Kopf ins Ungewisse stürzen würden: Die Mehrheit der Gründerinnen und Gründer starten ihr eigenes Unternehmen im Team und als Nebenerwerb.

Wo wird in Deutschland gegründet?

Es gibt einige Gründer-Hotspots in Deutschland, aber keine vergleichbare Ansammlung wie im amerikanischen Silicon Valley. Die meisten Gründungen finden jedoch in Berlin statt (16,8%), gefolgt von der Region Rhein-Ruhr (11,3%). Vier weitere Regionen beheimaten jeweils rund 6% der erhobenen Start-ups, nämlich Hamburg, München, Stuttgart/Karlsruhe und Hannover/Oldenburg.

Inhaltlich finden acht von zehn Neugründungen in der digitalen Wirtschaft statt und konzentrieren sich auf Business-to-Business-Geschäftsmodelle. 

Kooperation als Überlebensmodell

Kooperationen sind ein prägendes Merkmal aller Jungunternehmen. Die Start-ups kooperieren aber keineswegs nur mit Seniorpartnern wie erfahrenen Mittelständlern und Konzernen. Das macht zwar rund die Hälfte aller Neugründungen, zwei Drittel allerdings arbeiten mit anderen Start-ups zusammen. Das ist ein Zuwachs von 20% im Vergleich zum Vorjahr.

Die starke Bereitschaft zur Kooperation ist auch Ergebnis einer politischen Förderung. Seit einigen Jahren verfolgt die Bundesregierung eine Clusterpolitik, das heißt, sie fördert regionale Netzwerke zwischen etablierten und Jungunternehmen. „Von den DSM-Start-ups, denen ein regionales Netzwerk oder Cluster bekannt ist, sind die Hälfte auch Teil eines solchen Netzwerkes“, berichtet Studienautor Tobias Kollmann. Dennoch ist die Kooperationsbereitschaft zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen zurückgegangen, von 70% im Vorjahr auf heute 50%. Nöll fordert größere Unternehmen deshalb dazu auf, sich stärker an regionalen Clustern zu beteiligen.

Fachkräfte aus dem Ausland grundsätzlich willkommen

„Start-ups in Deutschland brauchen gut ausgebildete IT-Spezialisten, um weiter zu wachsen und im internationalen Wettbewerb zu bestehen“, sagt Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups (BVDS). Doch jeder dritte Jungunternehmer habe bürokratische Schwierigkeiten, Fachkräfte mit einer außereuropäischen Staatsbürgerschaft einzustellen.

Nöll fordert deshalb ein „bedarfsorientiertes Einwanderungsgesetz“ für Deutschland, das dieselbe Funktion erfülle wie eine Stellenanzeige: „Wir sagen, wen wir suchen, was wir bieten und zu welchen Konditionen wir die ‚Stelle‘ vergeben“.

Schon heute machen ausländische Mitarbeiter übrigens einen Großteil der Belegschaft aus. Knapp 29% aller Mitarbeiter in Start-ups sind keine deutsche Staatsangehörigen, im bei Gründern extrem beliebten Berlin sind es sogar fast 48%.

Geschäftsmodelle der Jungunternehmen noch im Aufbau

Dass es in Deutschland so viele Start-ups gibt, bedeutet keineswegs, dass sich hier viele neue Unternehmen etablieren werden. Nicht einmal ein Drittel der Gründungen können derzeit ein „sehr skalierbares Geschäftsmodell“ vorweisen, wie KPMG-Partner Tim Dümichen sagt. Was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass 50% der Unternehmen jünger als 2 Jahre ist. Immerhin aber stellen gerade bereits 45,6% der Start-ups ein marktfähiges Angebot fertig oder realisieren erste Umsätze.

Dennoch: Die Ziele der jungen Unternehmer sind keinesfalls kleinstaatlicher Natur. Während derzeit noch 80% der Umsätze in Deutschland erzielt werden, planen über 80% der Jungunternehmer mit dem Aufbau ihrer Geschäfte in anderen Ländern – vorwiegend andern EU-Staaten. Auch hier sind die Hürden in Gesetzgebung und Regulierung jedoch offensichtlich so hoch, dass viele den Schritt noch nicht gegangen sind.

Welche Entwicklungsphasen gibt es bei Start-ups?

Der Deutsche Start-up-Monitor unterscheidet insgesamt fünf Stufen der Entwicklung:

Seed Stage: Gründer schärfen ihr Konzept und generieren noch keine Umsätze

Start-up Stage: Gründer stellen ein marktreifes Angebot fertig und realisieren erste Umsätze und/oder Kundennutzen.

Growth Stage: Gründer können ein marktreifes Angebot vorweisen und realisieren ein starkes Umsatz- und/oder Nutzerwachstum.

Later Stage: Gründer haben sich im Markt etabliert und/oder planen einen Börsengang.

Steady Stage: Gründer weisen kein starkes Umsatz- und/oder Nutzerwachstum mehr auf.

Ein Gruß nach Berlin

Viele der Ergebnisse des Start-up-Monitors verweisen auf Probleme, die nur politisch zu lösen sind. Er kommt daher zur richtigen Zeit. Vielleicht stößt die ein oder andere Empfehlung während der Koalitionsverhandlungen in Berlin auf offene Ohren. Zumal am Verhandlungstisch die unter Gründern mit 39,4% überdurchschnittlich beliebte FDP sitzt.

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Von Lisa Schneider
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