15.03.2013, 13:59 Uhr | 0 |

Sabbatical HP-Ingenieur gönnte sich ein Reisejahr

25 Jahre hat Siegfried Link sich seinen Traum bewahrt. Im Herbst 2011 war es so weit: Der 45-jährige Ingenieur von Hewlett-Packard nahm sich ein Jahr frei, um zu reisen. Seit einigen Monaten ist er zurück, macht denselben Job, hat aber keinen Fernseher mehr. Mit seiner Zeit geht er nun sorgfältiger um.

Durch Wüsten in China reiste auch Siegfried Link bei seinem Sabbatical-Trip.
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Durch Wüsten in China reiste auch Siegfried Link bei seinem Sabbatical-Trip. So oft es ging nutzte er bei seiner Reise das Mountainbike. 

Foto: dpa

Vor vielen Jahren tauschten Händler auf der Seidenstraße Gewürze, Gold und Seide. Die alte Handelsroute verbindet China mit dem Mittelmeer. Um 100 v. Chr. soll sich die erste Karawane mit der im Westen begehrten Seide auf den Weg von Osten gemacht haben. Die etwa 10 000 km lange Route führt durch Wüsten in China und über Berge in Anatolien. Manchmal ist es brütend heiß, in anderen Regionen klirrend kalt.

Zwischen sechs und acht Jahren dauerte die lange Reise hin und zurück. Siegfried Link hat vier Monate gebraucht für die 11 700 km von Schanghai bis Istanbul. Moderne Mountainbikes sind schneller als lahme Kamele.

Mit dem Mountainbike unterwegs

Ist der 45-Jährige ein Sportbewahnter? Nein! Einer, dem langweilig ist? Nein! Der Ingenieur verwirklichte sich mit der Fahrradtour einen lange gehegten Traum. Die Seidenstraße war ein Drittel davon. Wandern im Himalaya Nepals und in den Anden Südamerikas die anderen Teile.

Am 2. 9. 11 stieg er in den Flieger von München nach Moskau, um mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking zu fahren. Ein Jahr später, am 27. 9. 12, stieg er aus dem Flugzeug, das ihn von Istanbul zurück in seine Heimatstadt München brachte. Sein Fahrrad im Gepäck. Das war ein Donnerstag. Vier Tage später saß er wieder auf seinem Stuhl am Schreibtisch bei Hewlett-Packard (HP) in München. Sein Sabbatical war zu Ende.

Dem Burn-out vorbeugen, Zeit für die Familie haben, ein Haus bauen, die Welt bereisen: Gründe für ein Sabbatical gibt es viele. Laut einer Forsa-Umfrage träumt ein Drittel der Arbeitnehmer in Deutschland von einer längeren Auszeit von der Arbeit. Aber nur 3 % bis 4 % setzen ihre Pläne tatsächlich um. "Wir führen keine Statistik, gehen aber davon aus, dass es 2012 nicht viele waren", sagt HP-Sprecherin Ina Ramsaier.

Dabei steht das Unternehmen einer Auszeit vom Job wohlwollend gegenüber und wertet ein Sabbatical keinesfalls als Karriereknick: "Ganz im Gegenteil. Mit dem gewonnenen Elan lässt sich die Karriere eventuell mit größerer Dynamik und, ausgestattet mit neuem Blickwinkel auf die Dinge, erfolgreich fortsetzen", so die Sprecherin weiter.

Einzige Gründe, einem Mitarbeiter seine Bitte nach einem Sabbatical auszuschlagen, seien dringende betriebliche, etwa ein nicht aufschiebbarer Projektabschluss. Aus diesem Grund muss die Auszeit mindestens neun Monate vorher angemeldet werden. Links Aufgaben wurden im Team aufgeteilt. Die Idee für eine große Reise reifte lange in ihm.

Gleich nach dem Abitur hat Link ein Studium der Technischen Informatik an der Berufsakademie Stuttgart angefangen und 1990 abgeschlossen. HP war der Ausbildungsbetrieb für dieses duale Studium. Einige Mitschüler von ihm gingen ins Ausland, bevor sie studierten. "Damals kam in mir der Wunsch auf, das auch mal zu tun."

Seit 25 Jahren bei HP

Irgendwann eben und meist ist aufgeschoben aufgehoben. Technische Informatiker sind Ingenieure und Informatiker. Sie entwickeln intelligente technische Systeme. Link ist nach Studienende bei HP geblieben und hat als Support-Ingenieur für CAD-Software angefangen. 25 Jahre ist er nun schon in der Firma. "Ich übernahm andere Rollen, der Software bin ich immer treu geblieben."

Seit 2008 entwickelt er Programme zur Überwachung großer Rechenzentren, mit Tausenden von Servern. Die Programme überwachen und steuern die Anlagen. "Die Firmenkultur machte mir das Sabbatical erst möglich." Flexible Arbeitszeitmodelle sind ein Teil dieser Kultur.

Link arbeitet 40 Stunden pro Woche, bekommt 36 bezahlt und sammelt die restlichen vier Stunden auf einem Langzeitkonto. "Das habe ich über Jahre gemacht und mir irgendwann die Frage gestellt: Will ich einen Batzen Geld auf dem Konto, früher in Rente oder jetzt freie Zeit?" Er entschied sich für jetzt, weil er dachte, als Rentner nicht mehr das tun zu können, wovon er träumte, beispielsweise wandern im Himalaya.

Als er 200 freie Tage auf dem Konto hatte, war für ihn die Zeit reif, das notwendige in die Wege zu leiten. "Ich war überrascht, wie wohlwollend mein Vorhaben beim Vorgesetzten, in der Personalabteilung und im Kollegenkreis aufgenommen wurde." Ein Jahr lang plante er seine Reise in drei gleich großen Blöcken zu jeweils etwa vier Monaten.

Kontakt zur Firma gehalten

Zwischen den Etappen war er etwa drei Wochen zu Hause, um einen Berg Wäsche zu waschen, Rechnungen zu bezahlen, Freunde zu treffen und mit dem Chef zu telefonieren oder sich per Mail auszutauschen. "Der Kontakt in die Firma war mir sehr wichtig. Ich wollte auf dem Laufenden bleiben, schließlich musste ich ja irgendwann wieder dorthin zurück." Seine Wohnung behielt er, das Gehalt lief weiter, ebenso die Sozialversicherung.

Seit einigen Monaten arbeitet Link nun wieder bei HP in München. Ein Karriereknick war die lange Auszeit nicht, denn er hat denselben Job, musste aber viel an Wissen aufholen. Bei Software ist die Verfallszeit kurz und mehrere Releases pro Jahr üblich.

Aus dem Kollegenkreis erlebt er die unterschiedlichsten Reaktionen. Während die einen unverständlich fragen, wie es Spaß machen kann, vier Monate am Stück mit dem Fahrrad zu radeln, beneiden und bewundern ihn andere um seine Erlebnisse.

Der lange Urlaub vom Job gab ihm Gelassenheit, Ruhe und Energie. "Herr meiner Zeit zu sein, war wunderbar." Diese Erkenntnis hat sich massiv auf seinen Umgang mit Zeit ausgewirkt. Als er zurückkam, hat er seinen Fernseher entsorgt.

Der war sein größter Zeitdieb.

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Von Peter Ilg | Präsentiert von VDI Logo
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