04.06.2013, 11:29 Uhr | 0 |

Personalmanagement Auf dem Arbeitsmarkt schlummern IT-Reserven

Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel erfordern auch in der IT-Branche neue Konzepte der Personalpolitik. Die sollten sich aber nicht nur auf eine bestimmte Altersgruppe konzentrieren, empfehlen Experten des Projekts "pinowa", sondern das Erwerbsleben ganzheitlich betrachten.

Entspanntes Arbeiten zu Hause
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Arbeiten in entspannter Atmosphäre, das will so ganz und gar nicht zur IT-Branche passen – bislang. Neue Arbeits(zeit)modelle sollten Mitarbeitern den Druck nehmen, fordern Wissenschaftler.

Foto: Unitymedia

"Auch in der IT-Branche ist es nicht selbstverständlich, dass die Beschäftigten innovativ und gesund bis zur Rente arbeiten können", erklärt Tobias Kämpf vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München. Dabei sind für Kämpf der demografische Wandel, der die Belegschaften immer älter macht, und die, bedingt durch den Wegfall von Altersteilzeitregelungen und die Rente mit 67, immer längere Lebensarbeitszeit nur "die eine Seite der Medaille".

Denn parallel ändern sich die Arbeitsbedingungen in der IT-Branche grundlegend, beobachten die ISF-Experten. Informatisierung, Globalisierung, zunehmender Marktdruck, Benchmarking und Standardisierung lassen das Klima in manchen Unternehmen rauer werden und führen zu hohen Belastungen.

Arbeitsbelastungen nehmen für alle Altersgruppen zu

Dies treffe nicht nur die Älteren, sondern alle Beschäftigten, so Kämpf. In seiner Analyse hat das ISF drei Lebensphasen einbezogen: den Berufseinstieg, die Rushhour des Lebens zwischen 30 und 40 und die letzte berufliche Phase. Befragungen zeigen, dass "Digital Natives", die als aufgeschlossen für neue Arbeitsweisen und Technologien und als hochbelastbar gelten, wie ihre älteren Kollegen Wert auf Nachhaltigkeit und Stabilität legen. Gleichzeitig seien sie in einem "System permanenter Bewährung" besonders anfällig für Belastungen, erklärt Soziologe Kämpf.

Zudem fokussierten Unternehmen ihre Karriere- und Rollenmodelle auf die Phase zwischen 30 und 40, in der für viele Beschäftigte privat und beruflich die entscheidenden Weichen gestellt würden und Frauen wie Männer hoch belastet seien, so Kämpf.

Teilzeit führt die Karriere oft in die Sackgasse

Teilzeit gewinne zwar gerade in der Familienphase an Bedeutung, führe die Karriere aber häufig in eine Sackgasse. Das Altwerden im Erwerbsleben schließlich beginne trotz der veränderten Rahmenbedingungen häufig schon mit 45plus. Ziel müsse es jedoch sein, auch die restlichen 22 Jahre bis zur Rente sinnerfüllt und anspruchsvoll arbeiten zu können.

Auch Anja Gerlmaier und Erich Latniak, Wissenschaftler am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen (IAQ), betonen angesichts des Fachkräftemangels in den technischen und naturwissenschaftlichen "MINT-Berufen", dass die Leistungs- und Innovationspotenziale älterer Beschäftigter auf dem Arbeitsmarkt "bei Weitem" nicht ausgenützt werden.

Überlastung bis 50, Unternutzung ab 50

An dieser Beschäftigtengruppe wird ein Phänomen besonders deutlich, das Arbeitspsychologin Gerlmaier mit "Über- und Unternutzung" beschreibt. Übernutzung, weil nach ihren Untersuchungen auch bei Technikern, Ingenieuren und Informatikern die Überlastung Hochqualifizierter mit dem Alter zunimmt, Unternutzung, weil IT-Spezialisten ab 50 aufwärts ein deutlich erhöhtes Risiko haben, arbeitslos zu werden und es dann auch zu bleiben.

Auch bei den Frauen liegen Potenziale brach. Sie seien zwar zu Studienbeginn nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, stellt Sozialwissenschaftler Latniak fest. Diejenigen, die aber ein Studium beginnen, brechen es nur selten ab. Zudem beginne die Familienphase heute fünf Jahre später als vor zehn Jahren: "Das ist für eine betriebliche Personalpolitik durchaus eine weitere Steuergröße, die man berücksichtigen muss", sagt der Experte. Latniak bemerkt im IT-Bereich auch einen stärker werdenden Druck in Richtung Vollzeitarbeit.

Ingenieure genießen stabilere Verhältnisse

Die IAQ-Analyse zeigt, dass bei Ingenieuren die Erwerbsbiografien stabiler sind als bei anderen Berufen. So fänden die meisten Wechsel in der Phase der beruflichen Orientierung statt, Wechsel in die Selbstständigkeit hätten abgenommen, so Gerlmaier. Die Innovations- und Arbeitskraftverluste durch Abwanderung seien in der Branche gering.

Zu den Instrumenten nachhaltiger Personalpolitik, die die einzelnen Lebensphasen berücksichtigt, gehören für "pinowa"-Wissenschaftler neue Karrieremodelle, ein besseres Angebot bei der Teilzeitarbeit und mehr Unterstützung in der Familienphase.

Auch bei der Personalrekrutierung sei Umdenken gefragt. Deswegen untersucht das Institut für Arbeit und Personal (iap) der Wirtschaftshochschule FOM in Essen, inwieweit der Fachkräftemangel davon abhängt, wie Rekrutierungsprozesse verbessert werden können. Mehr Diversität, glaubt iap-Expertin Christina Goesmann, vergrößere den Bewerberpool und erhöhe die Attraktivität eines Unternehmens.

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Von Jutta Witte | Präsentiert von VDI Logo
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