24.04.2013, 12:32 Uhr | 0 |

Immer noch selten Allein zu Hause: Homeoffice als Chance

Während die einen den Rückruf ins Büro anordnen, sehen andere das Homeoffice als Notwendigkeit in der Arbeitswelt. Obwohl sich die Zahl der Telearbeiter in der letzte Dekade nahezu verdoppelt hat, bleibt die Arbeitsform nach wie vor eine Ausnahme.

Homeoffice
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Für Firmenangestellte bleibt das Homeoffice als Arbeitsform nach wie vor die Ausnahme. 

Foto: Vodafone

Zunächst klang die Nachricht von oben ganz harmlos: "Kommunikation und Zusammenarbeit sind wichtig, deshalb müssen wir Seite an Seite arbeiten", stand in der E-Mail zu lesen, die Marissa Mayer, Chefin des Internetportals Yahoo, unlängst an die Belegschaft verschickte. Einige Zeilen darunter ließ sie die Bombe platzen: Ab Juni werde es keine Heimarbeit mehr geben, alle Angestellten sollten wieder ins Büro kommen, befahl Mayer. Die Begründung lieferte kurz darauf ihr Personalchef nach: "Tempo und Qualität leiden oft, wenn wir von zu Hause aus arbeiten." Doch ist Mayer mit ihrem Bann wirklich ein Trendsetter?

Fest steht, dass Yahoo mit seiner Ablehnung keineswegs alleine ist. Auch bei nach vorne gewandten Unternehmen wie Google, Facebook und Twitter wird es gerne gesehen, wenn die Mitarbeiter zur Arbeit in der Zentrale erscheinen. Auf die Frage, wie viele Angestellte bei Google daheim arbeiteten, sagte ein Sprecher unlängst "so wenige wie möglich". Stößt die Heimarbeit womöglich schon jetzt an eine natürlich Grenze?

Grad von echter Homeoffice-Tätigkeit liegt immer noch nahe Null 

Experten widersprechen. "Im Gegenteil – der Grad von echter Homeoffice-Tätigkeit liegt immer noch nahe Null", betont Peter Schütt, Leiter Wissensmanagement bei IBM. Diese Einschätzung bestätigen auch Studien: Als das Meinungsforschungsinstitut Ipsos letztes Jahr 11 000 Angestellte weltweit befragte, outeten sich nur wenige als Heimarbeiter. Gerade mal 7 % derjenigen, die online mit ihrem Büro verbunden sind, nutzen die Technik auch, um ausschließlich zu Hause zu arbeiten. Obwohl sich die Zahl der Telearbeiter in der letzte Dekade nahezu verdoppelt hat, bleibt die Arbeitsform also nach wie vor eine Ausnahme.

Vereinbarkeit mit der Pflege von Angehörigen

Dass die eigenen vier Wände in Zukunft häufiger das Eckbüro ersetzen, scheint unausweichlich. Denn zum einen müssen immer mehr Angestellte Kontakt zu Menschen in anderen Zeitzonen halten – und das auch noch häufig außerhalb der üblichen Bürozeiten. Zum anderen steigt die Zahl derjenigen, die sich neben dem Job um pflegebedürftige Angehörige kümmern. Einer von zehn Mitarbeitern muss heute einen Angehörigen betreuen – schon in zehn Jahren werden es 50 % mehr sein. Jeden Tag von neun bis 17 Uhr an einem bestimmten Ort anwesend zu sein, ist für diese Menschen keine Option mehr. "Verteiltes Arbeiten und Flexibilisierung machen einfach Sinn – für Unternehmen und Mitarbeiter", sagt Udo-Ernst vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart.

Co-Working Spaces als Alternative

Für die Unternehmen ergibt sich daraus eine neue Aufgabe: Wie lässt sich Heimarbeit einsetzen, ohne dass Produktivität oder Kreativität leiden? Eine Lösung könnte sein, so genannte Co-Working-Spaces zu nutzen. In diesen Großraumbüros können Arbeitsplätze auf Stunden-, Tages- oder Wochenbasis gemietet werden (www.coworking.de), ein Platz im Büro-Kühlschrank sowie Internetzugang sind inklusive. Beim Betahaus in Köln etwa kostet ein Schreibtisch pro Monat 199 €. Bisher interessierten sich vor allem Freiberufler für solche Angebote, aber auch Firmen entdecken zunehmend die Vorteile dieser Arbeitsform: Mitarbeiter müssen nicht in die Firma pendeln, können aber trotzdem in einer kreativen Atmosphäre arbeiten und kommen unter Menschen. "Ich nutze gelegentlich auch Coworking-Spaces", sagt IBM-Mann Schütt, der im Schnitt nur einmal im Monat tatsächlich in einem Büro seines Arbeitgebers anzutreffen ist.

Manche Unternehmen versprechen sich sogar neue kreative Anstöße davon, wenn ihre Angestellten abseits der Firmenzentrale schaffen. In Grand Rapids/US-Bundesstaat Michigan etwa haben sich vier Firmen zusammengetan, um ein gemeinsames Satellitenbüro zu gründen. In dem Haus mit dem Namen GRid 70 sitzen Mitarbeiter des Möbelkonzerns Steelcase neben Angestellten einer Schuhmarke, eines Lebensmittelhändlers und eines Konsumgüterherstellers. Die Idee: Spontane Begegnungen mit Vertretern anderer Branchen schaffen neue Sichtweisen auf altbekannte Themen und öffnen den Weg zu ungewöhnlichen Problemlösungen, die in der Einheitsatmosphäre der Firmenzentrale nicht entstanden wären.

Software kontrolliert Heimarbeit

Natürlich gibt es nicht nur die Zuckerbrot-Strategie. Bei US-Firmen wie Salesforce.com setzt man auch auf die Peitsche. Hier nutzen Manager eine Software namens Chatter, um mit Teammitgliedern, die daheim arbeiten, in Kontakt zu bleiben. Das Programm zeigt in Echtzeit an, wie schnell ein Angestellter z. B. auf eine Kundenanfrage reagiert hat und ob der persönliche Umsatzbericht schon aktualisiert wurde. "Da wird schnell sichtbar, ob jemand bei der Sache ist", wird ein Manager im "Wall Street Journal" zitiert.

Wer hat also Recht? Die Verfechter der Heimarbeit oder Bürofans wie Marissa Mayer? Experten raten zu einem abgewogenen Urteil. Heimarbeit sei keine Allzweckwaffe und eigne sich nur für eingespielte Organisationen, in denen die Arbeitsabläufe klar seien, meint Fraunhofer-Forscher Haner. Befände sich das Unternehmen – wie Yahoo – in einer Umbruchphase, sei Homeoffice unter Umständen nicht die richtige Organisationsform. "Die strategische Ausrichtung eines Unternehmens verändert man nicht im Chat." 

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Von C. Gillies | Präsentiert von VDI Logo
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