19.04.2013, 11:31 Uhr | 0 |

Bildung Thema Studiengebühren erwacht zu neuem Leben

Mit Bayern und Niedersachsen verabschieden sich die letzten Bundesländer von Studiengebühren. Damit endet aber nicht die Diskussion, Studierende verstärkt zur Kasse zu bitten. Ohne Studiengebühren werden Hochschulen den wachsenden Herausforderungen nicht effektiv begegnen können, prophezeien ihre Befürworter.

Studenten protestierten Ende 2012 in Osnabrück gegen Studiengebühren.
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Studenten protestierten Ende November 2012 in Osnabrück (Niedersachsen) gegen die Studiengebühren an Hochschulen und für mehr Geld für Bildung. Mit Erfolg. Auch Bayern und Niedersachsen verabschieden sich jetzt von den Gebühren. Zudem einigten sich Bund und Länder, den Hochschulpakt bis 2015 um gut vier Milliarden Euro zu erhöhen.

Foto: dpa/Friso Gentsch

Geht es ums Geld, werden Beziehungen auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. So war es auch am Freitag vergangener Woche, als sich Bund und Länder nach hartem Ringen einigten, den Hochschulpakt bis 2015 um gut 4 Mrd. € zu erhöhen.
Damit soll der unerwartet hohe Anstieg der Studienanfängerzahlen bewältigt werden. Die Wissenschaftsminister hatten ursprünglich für die Zeit von 2011 bis 2015 mit 327 000 zusätzlichen Studieneinsteigern gegenüber 2005 gerechnet, jetzt rechnen sie mit 624 000.

Dauerhafte Geldquelle gewünscht

Kaum einer, der etwas dagegen einzuwenden hätte. Viele Stimmen aber, insbesondere aus den oberen Hochschuletagen, wünschen sich eine finanzielle Förderung mit Langzeitwirkung, eine dauerhafte und verlässliche Geldquelle, die alle Löcher stopft, von der Sanierung maroder Gebäude bis zum optimalen Betreuungsverhältnis in der Lehre.
So traut auch Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der Vereinbarung von Bund und Ländern noch nicht recht: „Es zeichnet sich ab, dass die ursprünglich im Hochschulpakt vorgesehenen 26 000 € pro zusätzlichem Studienanfänger nicht in vollem Umfang an den Hochschulen ankommen, weil der Pakt insgesamt nicht ausreichend finanziert wird. Und dann reicht es nur für weniger Studienplätze und nur für kostengünstigere Studienfächer“ – zu denen die teuren Ingenieurwissenschaften sicherlich nicht zählen.

"Renaissance der Studiengebühren denkbar"

Hippler, bis 2012 Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), hält daher eine Renaissance der Studiengebühren, die es bald auch in den letzten Gebührenbastionen Bayern und Niedersachsen nicht mehr geben wird, für denkbar. Die öffentliche Hand sei angesichts der steigenden Studierendenzahlen nicht in der Lage, die Hochschulen mittelfristig zu finanzieren, sagte er dem Deutschlandfunk. Horst Hippler: „Ich denke, die Diskussion wird wiederkommen, wenn die Schuldenbremse zieht und wenn man sieht, dass an den Universitäten noch weiter gespart werden muss.“ 5000 € für ein komplettes Masterstudium seien für einen Studierenden eine vertretbare Summe.


Auch Marion Schick sieht ein abgemagertes Schreckgespenst um die deutschen Hochschulen ziehen. „Es steht zu befürchten, dass als Reaktion auf die Schuldenbremse so mancher Landeshochschuletat drastisch reduziert wird. Dies würde zu einem Abbau von Studienplätzen und zu einem Rückgang des Fachkräftepotenzials in Deutschland und damit zu schwerwiegenden Wertschöpfungsverlusten führen.“
Marion Schick, Telekom-Vorstand Personal und stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Hochschule/Wirtschaft der Arbeitgeber (BDA), plädiert für „moderate Studienbeiträge“, die zu ihrem Bedauern der „Legende“ von der sozialen Unverträglichkeit zum Opfer gefallen seien.
Diese These stützt eine aktuelle Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). „Studiengebühren werden in Wahlkämpfen gerne als Aufhänger für das Thema Gerechtigkeit benutzt, so auch jüngst wieder in Bayern und Niedersachsen“, schreibt Christiane Konegen-Grenier, die Autorin der IW-Studie.

Neue Studienangebote und zusätzliche Beratung stellen hohe finanzielle Hürden dar

Die Lehre, die bei Förderprogrammen in der Regel gegenüber der Forschung vernachlässigt werde, sei mit traditionellen Parametern nicht mehr zu messen. Die erhöhte Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erfordere zusätzliche Klimmzüge. „Beruflich Qualifizierte benötigen nicht nur zusätzliche Lehr- und Beratungsangebote, sondern auch neue flexible, berufsbegleitende Studienformen, darunter nicht zuletzt online-basierte Angebote auf dem neuesten technischen Stand“, so die Studie.
Um den hohen Abbrecherquoten in den Ingenieurwissenschaften zu begegnen, seien zudem Beratungs- und Nachschulungsangebote vonnöten. Das alles koste Geld. Auf rund 1,1 Mrd. € jährlich veranschlage der Wissenschaftsrat die Kosten für den didaktischen Mehraufwand, betont Christiane Konegen-Grenier.
Das Problem liege nicht in der sozialen Unzumutbarkeit von Studiengebühren oder in ihrer Abschreckung, sondern in einer mangelhaften „gezielten individuellen Förderung von Studierfähigen aus einkommensschwachen oder hochschulfernen Elternhäusern“. Dies zu ändern, bedürfe es zusätzlicher privater Gelder wie Studiengebühren.
Akademiker, heißt es in der Studie, verdienten im Job im Durchschnitt mehr als das Doppelte von Berufsausbildungsabsolventen. Es sei daher nicht verwerflich, Studierende zur Kasse zu bitten, schreibt die Autorin. Angesichts hoher privater Renditen sollten beide Profiteure akademischer Ausbildung, Staat und Student, ihre Obolusse entrichten.

Finanzielle Unterstützung durch den Staat

Die Aversion von Studierenden aus einkommensschwachen Familien gegenüber Kreditrisiken sollte durch finanzielle Unterstützung des States gemildert werden.
Gebührengegner warnen vor dem Abbau des Sozialstaates und vor der Privatisierung der Bildungsausgaben. Dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich im Bildungssystem durch Studiengebühren und den Rückzug des Staates immens vergrößern kann, zeigt Großbritannien. Seit dem vergangenen Winter berappen Studierende in England bis zu 9000 Pfund (11 200 €) jährlich und verschulden sich hoch.
Dass attraktive Studienbedingungen auch ohne Gebühren machbar sind, dafür liefern die ostdeutschen Hochschulen, etwa in Jena, Beispiele.
Gebührenbefürworter Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, glaubt nicht daran, dass die Campus-Maut in absehbarer Zeit realisierbar ist: „Ich nehme zur Kenntnis, dass Studiengebühren für Deutschland offenbar verbrannt sind. Das ist ein zu heißes Eisen für diese Gesellschaft.“

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Von Wolfgang Schmitz
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