10.12.2013, 09:00 Uhr | 0 |

VDI-Reaktion auf Pisa-Test „Deutschland braucht mehr Ingenieure, aber auch technikmündige Bürger“

Deutsche Schulen haben im aktuellen Pisa-Test gut abgeschnitten. Bei der technischen Allgemeinbildung gibt es aber großen Nachholbedarf, ist der Verein Deutscher Ingenieure VDI überzeugt. Und bringt die Idee einer Bildungsrevolution auf den Tisch, die Ingenieurs- und Naturwissenschaften verschmelzen könnte.  

Der VDI plädiert für ein Mindestmaß an technischer Bildung
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Interdisziplinarität und Technoscience, eine Verschmelzung von Ingenieur- und Naturwissenschaften könnte Deutschland als Hochtechnologiestandort neuen Aufwind geben, ist Gabriele Graube, Bildungsexpertin und Vorsitzende des VDI-Fachbeirats Technische Bildung, überzeugt. 

Foto: dpa/Armin Weigel

Die Erleichterung war groß, als die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie bekannt gegeben wurden. Eine halbe Million 15-jähriger Schüler aus 65 Ländern war 2012 getestet worden, dieses Mal mit besonderem Fokus auf das Fach Mathematik. 15 bis 25 Prozent der deutschen Schüler konnten hier mit besonders guten Leistungen punkten und auch in den Naturwissenschaften rangiert Deutschland inzwischen oberhalb des Durchschnitts.

Eine erfreuliche Nachricht, die aber in Bezug auf die technische Bildung in unseren Schulen keine große Aussagekraft habe, mahnt Bildungsexpertin Gabriele Graube an. Technik sei immer noch ein „ungeliebtes Kind der Bildung“, bemängelt die Vorsitzende des VDI-Fachbeirates „Technische Bildung“. Deshalb solle ihrer Ansicht nach ein „Technik-Pisa“ eingeführt werden.

Verschmelzung von Ingenieur- und Naturwissenschaften

„Deutschland als Technologie- und Innovationsstandort braucht nicht nur Ingenieur- und Fachkräftenachwuchs, sondern darüber hinaus gebildete, technikmündige Bürger“, sagte Graube in einem Interview mit den VDI nachrichten. Schließlich gelte es nicht nur rein technische Probleme der Zukunft wie Energie, Klimawandel und Mobilität zu lösen, sondern auch sich kritisch und konstruktiv mit den damit verbundenen Wirkungen auf Mensch, Natur und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Graube: „Das gelingt nur, wenn alle über ein Mindestmaß an technikwissenschaftlicher Bildung verfügen.“

Hierfür brauche es eine neue Sichtweise auf Wissenschaft und Technik, so Graube, die an der TU Braunschweig auch als Privatdozentin im Bereich Technische Bildung lehrt. „Viele denken bei Technik an Blaukittel, Werkbank und Sägen, Bohren und Feilen. Aber Technik ist heute vor allem Ergebnis wissenschaftlichen Forschens und Entwickelns.“ Interdisziplinarität und Technoscience, eine Verschmelzung von Ingenieur- und Naturwissenschaften sei gefordert. Das käme einer Bildungsrevolution gleich und „wäre wirklich etwas, was Deutschland als Hochtechnologiestandort auszeichnen würde“, erklärte Graube.

Das Interesse für Technik müsse in den Schulen früh gefördert werden, aber es gehe nicht darum, noch mehr in das Schulsystem zu stopfen. Historisch gewachsene Curricula müssten radikal entrümpelt und der Technik eine Schlüsselposition eingeräumt werden. Man könne sich doch vorstellen, dass Schüler sich mit bestimmten Problemen der Lebenswelt auseinandersetzen, dazu unterschiedliche Disziplinen befragen und zu eigenen Lösungen kommen, findet die Expertin.

Mobile Endgeräte im Unterricht bergen die Gefahr der Technisierungsfalle

Erleichtert ist Gabriele Graube dagegen zumindest darüber, dass in den Koalitionsverhandlungen in letzter Minute das Vorhaben gestrichen wurde, Schüler mit mobilen Endgeräten auszustatten. „Ich begrüße diese Entscheidung sehr. Eine Aufrüstung des Unterrichts durch digitale Whiteboards, Tablets oder Phones birgt immer die Gefahr, in die Technisierungsfalle zu tappen. Der Unterricht verändert sich zwar mit digitalen Medien, aber gelernt wird dadurch nicht automatisch mehr und schon gar nicht etwas über Technik.“ Wenn solche Medien nicht didaktisch begründet in den Unterricht eingebunden würden, könnten sie die technische Bildung sogar eher behindern als fördern.

Lars Funk, beim VDI für Nachwuchsförderung zuständig, wäre schon froh, wenn es mehr und vor allem besser ausgebildete Mathelehrer in Deutschland gäbe. Deren Ausbildung sei „stark verbesserungswürdig – weniger in fachlicher, dafür aber in pädagogischer Hinsicht“, sagte Funk gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Mathe sei leider für viele Schüler immer noch ein Angstfach, vor allem für Mädchen. Sie müssten besser motiviert werden. 

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Von Gudrun von Schoenebeck
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