13.05.2013, 11:59 Uhr | 0 |

Stipendien Deutschland braucht Förderkultur für talentierten Nachwuchs

Rund 11 000 Stipendiaten nutzen derzeit das sogenannte Deutschlandstipendium. Doch die Zahlen liegen unter den Erwartungen. Für mehr Engagement und eine Förderkultur in Deutschland plädiert Bruno O. Braun, Aufsichtsratsvorsitzender der TÜV Rheinland AG und ehemaliger VDI-Präsident.

Der frühere VDI-Präsident Bruno O. Braun
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Bruno O. Braun, Aufsichtsratsvorsitzender der TÜV Rheinland AG: "Viele studieren unter finanziell schwierigen Bedingungen. Mit einem Stipendium kann man ihnen auch Gemeinsinn weitergeben und etwas von der Aufbruchsstimmung und dem Gestaltungswillen vermitteln, die die Ausbildung und Karriere meiner Generation geprägt haben."

Foto: VDI

VDI nachrichten: Rund 25 % aller deutschen Studenten erhalten eine staatliche Förderung durch Bafög, aber nur 2 % bis 3 % der rund 2,5 Mio. Studenten in Deutschland erhalten ein Stipendium. Fehlt eine Förderkultur in Deutschland?

Braun: Im Vergleich zu anderen Ländern – denken Sie etwa an die USA – sehen wir in Deutschland stärker den Staat gefragt als privates Mäzenatentum. Das hat Vor- und Nachteile. Ich beobachte aber ein wachsendes Interesse bei Unternehmen und Führungspersonen der Wirtschaft, sich persönlich zu engagieren. Das sollte Schule machen. Eine Public Private Partnership wie das Deutschlandstipendium ist aus meiner Sicht ein gutes Instrument, um diese Förderkultur zu stärken.

Werden Technik-Studiengänge mehr gefördert als Geisteswissenschaften?

Sicherlich ist es für Wirtschaftsvertreter naheliegend, Studierende zu fördern, die die Basis hochqualifizierter Fachkräfte verbreitern. Das ist vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung eine gesellschaftlich dringliche Aufgabe. Für mich persönlich gilt: Zu einem gesunden Gemeinwesen gehört auch Kultur. Deshalb fördere ich neben Studierenden der Ingenieurwissenschaften auch junge Menschen an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz.

Angestrebt wurde vom Bundesbildungsministerium, dass langfristig rund 170 000 Studenten oder etwa 8 % der Studenten in Deutschland eine Förderung durch das Deutschlandstipendium erhalten Wie realistisch ist dieses Ziel?

Das kann in meinen Augen ein langfristiges Ziel sein und ist kein Selbstläufer, wie die bisherigen Erfahrungen zeigen. Beständigkeit und Beharrlichkeit sind wie immer der Schlüssel zum Erfolg. Ich halte deshalb nicht viel davon, zum jetzigen Zeitpunkt neue Modelle zu erfinden. Man sollte das bestehende Verfahren in den Strukturen optimieren und noch intensiver dafür werben, damit mehr Förderer teilnehmen.

Warum sollte jemand sich an der Finanzierung von Stipendien beteiligen?

Ich halte das für eine schöne Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, und zwar gezielt, indem wir in die Zukunft investieren. Mein beruflicher Erfolg gründet in der guten Ausbildung, die ich in wirtschaftlich kargeren Zeiten erhalten habe. Auch vielen jungen Menschen heute wird nichts geschenkt. Viele studieren unter finanziell schwierigen Bedingungen. Mit einem Stipendium kann man ihnen auch Gemeinsinn weitergeben und etwas von der Aufbruchsstimmung und dem Gestaltungswillen vermitteln, die die Ausbildung und Karriere meiner Generation geprägt haben.

Ein Spender kann beim Deutschlandstipendium zwar nicht einen einzelnen Studenten fördern, wohl aber eine Fachrichtung festlegen. Die jeweilige Hochschule kann Fachbindungen für bis zu zwei Drittel bei der Verteilung der Fördergelder berücksichtigen, über die Verteilung von einem Drittel ist sie frei. Eine Konstruktion, die Sie begrüßen?

Spontan wäre mir natürlich eine verbindliche unmittelbare Zweckbindung lieber, aber es gibt gute Gründe für diesen Kompromiss, um eine faire Verteilung der Stipendien auf die Studienrichtungen zu sichern.

Für die persönliche Motivation beider Seiten wäre es natürlich am besten, wenn es eine direkte Verbindung zwischen Förderer und Studierendem gibt. Bei der Vergabe ist das so nicht vorgesehen. Heilen könnte man das aber etwa durch Mentorenkreise, in denen die Stipendiengeber mit den Studierenden zusammenkommen und im persönlichen Austausch nicht nur Geld, sondern auch Erfahrungen, Ratschläge und Kontakte weitergeben.

Als die damalige Bundesforschungsministerin Annette Schavan das Projekt "Deutschlandstipendium" im April 2011 startete, wollte man im ersten Jahr rund 9000 Studenten fördern. Geschafft wurden bis April 2012 etwas mehr als 50 % des Zieles, heute sind es 11 000. Sieht so eine Erfolgsbilanz aus?

Lassen Sie mich das aus unternehmerischer Perspektive beantworten. Ich habe in meinem Berufsleben viele neue Projekte angestoßen, die in der Anlaufphase nicht im Business-plan lagen. In den allermeisten Fällen hat es sich aber gelohnt, mit Ausdauer am Ball zu bleiben, Strukturen zu optimieren und bei Mitarbeitern und Kunden Überzeugungsarbeit zu leisten. Ich glaube nicht, dass unternehmerisch erfolgreich ist, wer die Aussichten eines Konzepts auf der Basis der Zahlen nur eines Jahres beurteilt.

Staatlicherseits wäre derzeit Geld für rund 22 000 zu Fördernde vorhanden. Aber viele Spender und Förderer bleiben aus. Kennen Sie Gründe dafür?

Auch die beste Idee braucht Vermarktung, um bekannt zu werden und Anhänger zu finden. Der Stifterverband hat hier viele Gedanken und Mühe investiert. Gefragt sind aber auch die Verbände und Unternehmen als Multiplikatoren sowie vor allem Einzelpersonen, die sich zum Konzept bekennen. Ich sehe mich hier auch persönlich in der Pflicht, dieser Idee weiter zum Durchbruch zu verhelfen.

Nur rund 270 der ca. 348 staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland verteilen Fördergelder aus dem Projekt Deutschlandstipendium an Studenten mit einer Bildungsbiografie, die dem Förderzweck entspricht. Was sagen Sie den bislang nicht teilnehmenden Hochschulen?

Ich kann verstehen, dass personelle Ressourcen beschränkt sind, aber ich möchte auch hier wieder aus unternehmerischer Perspektive an die Hochschulen appellieren, den Return aufs Investment zu bedenken.

Den eigenen Studierenden zu helfen und damit deren Bindung an die Hochschule zu stärken und die Studienleistungen insgesamt nach oben zu bringen, ist das eine. Über das Deutschlandstipendium können Hochschulen aber darüber hinaus Kontakte zu relevanten Persönlichkeiten aufbauen, die als finanzielle und ideelle Förderer dann auch der gesamten Institution helfen. Aus der administrativen Last erwachsen persönliche Verbindungen, die langfristig allen Nutzen bringen.

Fördergeld in Höhe von 300 € im Monat durch das Deutschlandstipendium zu erhalten ist für einen Studenten sicher nützlich, wäre eine Abbruchquote unter 50 % bei Ingenieurstudiengängen nicht noch nützlicher?

Wir brauchen beides. Ein Studierender kann sich mit einem Stipendium besser auf das Studium konzentrieren und hat Zeit, in der Schule Versäumtes aufzuholen. Dass wir gleichzeitig die Studiengänge optimieren müssen steht außer Frage. Neben der hohen Effizienz in Forschung und Innovation müssen wir noch mehr Augenmerk auf die Qualität in der Lehre legen. Hier sind aber andere Ressourcen gefragt als die Mittel, die staatlicherseits in die Deutschlandstipendien fließen.

Und als Vision: Wenn aus den Stipendien persönliche Mentorenkontakte erwachsen, können etablierte, im Berufsleben erfolgreiche Menschen auch Durchhaltevermögen vermitteln und zeigen, wie es weitergehen kann. Wir haben alle unsere Durststrecken durchlitten und für Studierende heute ist es im anonymeren Hochschulbetrieb sicher nicht leichter geworden.

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Von Rudolf Schulze | Präsentiert von VDI Logo
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