26.04.2013, 10:59 Uhr | 0 |

Arbeitsmarkt Zuwanderung ja – aber nur mit einem "Aber"

Zwei von fünf Neuzuwanderern verfügen über einen akademischen Abschluss. Ein wachsendes Potenzial, auf das Unternehmen zurückgreifen können. Die IG Metall aber warnt vor Lohndumping.

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Die Zahl der Zuwanderer mit akademischem Abschluss hat sich im Verlauf der letzten 16 Jahre nahezu verdoppelt.

Foto: Ulrich Zillmann FotoMedienServic

Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Dem wird vor allem in Zeiten, in denen es mit den hiesigen Fachkräften eng zu werden droht, kaum jemand widersprechen. Aber kommen auch die, die man hier braucht? Aktuelle Studien bejahen dies.

In Insiderkreisen sei schon von einer "neuen Generation von Migranten" die Rede, heißt es im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (bib). Aktuelle bib-Analysen bestätigen die Ergebnisse ähnlicher Umfragen: "Die Zahl von Neuzuwanderern mit meist akademischen Bildungsabschlüssen hat sich im Verlauf der letzten 16 Jahre trotz insgesamt abnehmender Zuwanderung nahezu verdoppelt."

Wanderten in den Jahren 1996 und 1997 insgesamt 31 400 Akademiker zu, waren es laut bib 2010 und 2011 bereits 57 700. Stieg der Anteil der Personen innerhalb der deutschen Bevölkerung mit akademischem Abschluss in diesen 16 Jahren von 21,0 % auf 24,8 %, legten die Migranten im Vergleichszeitraum mit einem Anstieg von 21,0 % auf 41,0 % weit dynamischer zu, sodass heute zwei von fünf Neuzuwanderern einen akademischen Titel vorweisen.

Der "Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration" (SVR) unterscheidet nach Fachbereichen. 14,6 % der Neuzuwanderer aus den alten EU-Ländern verfügten über einen Hochschulabschluss in einer naturwissenschaftlich-technischen Disziplin (MINT) und damit in einem besonders stark nachgefragten Bereich.

Immerhin noch 6,9 % der aus den 2004 beigetretenen EU-Ländern (vor allem Osteuropa) Eingereisten können sich mit einem MINT-Abschluss schmücken, das seien mehr als die Gesamtbevölkerung in Deutschland (5,8 %) vorweise. Der SVR schätzt, dass die zwischen 1999 und 2009 zugewanderten MINT-Akademiker und Mediziner rund 13 Mrd. € zur Wertschöpfung in Deutschland beitrugen.

Weil das Innenministerium als zuständige Einrichtung zu einseitig den Aspekt Sicherheit in den Vordergrund gerückt hätte, fordert der SVR ein eigenständiges Ministerium für Integration und Migration.

Und was ist mit den Löhnen? Werden die durch Zuwanderung gedrückt? Ökonom David Stadelmann von der Universität Bayreuth verspricht der deutschen Wirtschaft einen Produktionsschub durch die Zuwanderung hoch Qualifizierter, kann aber nicht ausschließen, dass es auch für Ingenieure zu einem "leichten Lohndruck" kommen könnte. "Gewissheit gibt es nie."

IG Metall bemängelt fehlende Willkommenskultur in deutschen Betrieben

Daher stimmt die IG Metall der Zuwanderung nur mit einem großen "Aber" zu. "Wir sind für ein offenes Europa und gegen Abschottung der nationalen Arbeitsmärkte. Das muss aber unter Einhaltung bestimmter Mindeststandards stattfinden, sonst wird Lohndumping Tür und Tor geöffnet, worunter einheimische und zugereiste Arbeitskräfte gleichermaßen leiden würden", betont Petra Wlecklik, bei der Gewerkschaft für Migration und Integration zuständig.

Tarifverträge und hier übliche Arbeitsbedingungen dürften nicht unterlaufen werden. Wlecklik: "Wir sollten die Menschen mit Migrationshintergrund nicht vergessen, die bereits hier leben und dennoch Schwierigkeiten haben, einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu bekommen. Viele, die hier studiert haben, landen in Warteschleifen mit Praktika, Werkverträgen und dergleichen. Wir wissen von Wartezeiten bis zu sechs Jahren. Das darf nicht sein."

Zudem erschwere die häufig fehlende Willkommenskultur einen Einstieg. "Die Vielfalt in den Betrieben anzuerkennen und zu gestalten, ist bis heute keine Selbstverständlichkeit und erfordert eindeutige Bekenntnisse und Strategien auf Seiten der Unternehmen und Belegschaften", so Wlecklik.  W. SCHMITZ

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Von W. Schmitz | Präsentiert von VDI Logo
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