18.01.2008, 19:32 Uhr | 0 |

Arbeitsmarkt Vom Arbeiter zum Arbeitskraftunternehmer  

Unternehmen lassen sich einiges einfallen, um ihre Produktivität und Effizienz sowie ihre Gewinne zu steigern. Dazu gehören eine höhere Automatisierung, die Auslagerung manueller Arbeit in Billiglohnländer. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf Arbeitsplätze und Gesellschaft? Die VDI nachrichten sprachen darüber mit G. Günter Voß, Professor für Industrie- und Techniksoziologie an der Technischen Universität Chemnitz.

VDI nachrichten, München, 18. 1. 08, cha

VDI nachrichten: Ein höherer Automatisierungsgrad bedeutet in der Regel weniger Arbeitskräfte. Wird die Arbeitslosigkeit in den Industrienationen weiter steigen? 

G. Günter Voß: Arbeit verschwindet nicht nur durch Automation, sondern es entsteht tatsächlich auch wieder neue. Die Frage ist aber, ob die mit neuen Technologien entstehenden Arbeitsplätze ausreichen, um bei uns in Deutschland genügend existenzsichernde Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Sehr oft können die durch Rationalisierung freigesetzten Berufstätigen - gerade, wenn es sich um Menschen mit geringer Qualifikation handelt - die neu entstehenden Funktionen nicht ausfüllen, weil sie für diese Aufgaben nicht passen. Und oft kann daran auch eine Weiterqualifizierung nichts ändern. Menschen lassen sich nicht beliebig qualifizieren. Das gilt auch für hoch Qualifizierte. Denn "Humankapital" ist nicht beliebig formbar, es ist an konkrete Menschen gebunden. Gerade in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Weiterqualifizierung auch ihre Grenzen hat. Damit lassen sich nicht alle Arbeitsmarktprobleme lösen.

VDI nachrichten: Werden von der drohenden Arbeitslosigkeit nur ungelernte Kräfte oder auch Fachleute betroffen sein?

Arbeitslosigkeit ist bei uns stark ein Problem für gering oder gar nicht ausgebildete Gruppen. Dies wird sich noch verschärfen. Parallel dazu ergeben sich auch steigende Berufs- und Arbeitsmarktrisiken für qualifizierte Gruppen. Ich rede hier von Bankern, manchen ökonomischen Experten und sogar von der einen oder anderen Gruppe technischer Fachleute. Für eine Vielzahl qualifizierter Berufsgruppen ist die Zeit gesicherter, hoch bezahlter und in den Arbeitsbedingungen komfortabler Tätigkeiten vorbei. Auch diese Menschen sind zunehmend Stress, Unsicherheiten, unklaren Perspektiven und in der Folge immer häufiger Angst ausgesetzt.

VDI nachrichten: Heißt das, die Gesellschaft wird sich in wenige Arbeitsplatzbesitzer als Eliten und eine wachsende Armee der Überflüssigen aufspalten?

Die Gesellschaft entwickelt sich jetzt schon in Richtung einer immer stärkeren Differenzierung und damit einer wachsenden sozialen Ungleichheit. Die Polarisierung von Gewinnern und Verlieren wird zunehmen, ebenso die wachsende soziale Bedrohung der bisher dominierenden Mittelschichten. Dies ist aber nicht nur die Folge technischer Rationalisierungen in den Betrieben. Ursache sind vielmehr harte ökonomische Veränderungen. Etwa der zunehmende Druck von Anteilseignern, der drastische soziale Folgen hat.

Beispielsweise führte die Auslagerung von großen Beschäftigtengruppen berühmter Konzerne in Subunternehmen zu drastisch schlechteren Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen. Und es ist nicht zuletzt die staatliche Deregulierungspolitik der letzten Jahre, die in hohem Maße für die Zunahme geringfügiger Beschäftigung verantwortlich ist.

VDI nachrichten: Was hat die Politik da falsch gemacht?

Die Politik hat versäumt, die zum Teil unvermeidlichen Reformen, etwa der Sozialversicherungen mit einem konsensfähigen gesellschaftspolitischen Konzept zu verbinden, dies offen zu kommunizieren und in der Bevölkerung für Verständnis zu werben. Hinzu kommt, dass man anscheinend tatsächlich geglaubt hat, Deregulierung, soziale Kürzungen bei den Ärmsten der Gesellschaft und Vermarktlichung in jedem nur möglichen Bereich führe - über einen dadurch vielleicht entstehenden wirtschaftlichen Aufschwung - zu stabilen und gerechten sozialen Verhältnissen. Zumindest kurzfristig scheint dies nicht einzutreten. Bei den Vätern der Sozialen Marktwirtschaft hätte man nachlesen können, dass ein ungebändigter Markt, anders als es Marktideologen gerne postulieren, nicht zu stabilen sozialen und auch nicht zu nachhaltigen wirtschaftlichen Verhältnissen führt.

VDI nachrichten: Müssen sich also Staat und Industrie vom Modell einer strikt marktwirtschaftlich orientierten Produktivitätsentwicklung und der Idee, Wachstum schaffe Arbeitsplätze, verabschieden?

Der reine Markt bietet keine Grundlage für eine nachhaltige Sozial- und Wirtschaftsentwicklung. In der neueren ökonomischen Diskussion wird dies auch zunehmend wieder so gesehen, etwa vom Nobelpreisträger Amartya Sen. Die Politik und viele Wirtschaftsführer müssen dies nun schmerzhaft erneut lernen. Der Markt braucht eine funktionierende und damit auch halbwegs gerechte, demokratische Gesellschaft. Umgekehrt braucht eine soziale Gesellschaftsordnung auch offene Wirtschaftsverhältnisse und Möglichkeiten für aktive Menschen, sich - auch ökonomisch - frei zu entfalten.

VDI nachrichten: Auf welche Weise lassen sich künftig Arbeit und Absicherung entkoppeln?

Dass man beides entkoppeln könnte und vielleicht auch sollte, dies ist eine Einsicht, die sich erst in neuerer Zeit beginnt, durchzusetzen. Bisher war es genau umgekehrt: Nur wer dauerhaft und Vollzeit in einem so genannten Normalarbeitsverhältnis gearbeitet hat, war sozial gesichert. Davon waren immer schon große Gruppen, z. B. viele Frauen, ausgenommen. Aber man nahm es hin, dass diese über ihre Männer gesichert wurden.

Dies funktioniert nun nicht mehr, weil es nicht mehr genügend Normalarbeitsverhältnisse für die Menschen gibt. Grob bemessen, kann man davon ausgehen, dass inzwischen fast die Hälfte der Erwerbstätigen nicht mehr diesem Modell entsprechen und damit in irgendeiner Weise, zumindest vorübergehend, in eine sozial mehr oder weniger prekäre Lage geraten. Insbesondere langfristig wird dies ein dramatisches Problem sein, denn mit den Minijobs, den Minilöhnen, den unbezahlten Praktika, den scheinselbstständigen Existenzen, den häufig unterbrochenen Berufswegen und den Teilzeittätigkeiten baut sich das Risiko einer Altersarmut für die Zeit ab der Mitte dieses Jahrhunderts auf. Dies bedeutet, dass man ganz neue Formen der ökonomischen und sozialen Sicherung der Menschen aufbauen muss.

VDI nachrichten: Wäre ein unabhängiges Grundeinkommen eine Lösung? Wie würde dieses Modell aussehen?

Fast alle klugen Beobachter der Gesellschaftsentwicklung gehen davon aus, dass man neue, nicht an die konventionelle Erwerbsarbeit gebundene soziale Sicherungen regelrecht neu erfinden muss - so wie das Ende des vorletzten Jahrhunderts bei unserem derzeitigen Sozialsystem auch der Fall war. Die Idee des unbedingten Grundeinkommens oder des Bürgergeldes gehört in diesen Themenkreis. Aber es gibt unterschiedliche Modelle und natürlich noch keine Erfahrungen. Aber die Diskussion dazu ist ausgesprochen bedeutsam.

Wir müssen im Zuge derartiger Überlegungen neu lernen, dass es sich lohnen kann, auf die Fairness, den Einfallsreichtum und die Leistungsbereitschaft der Bürger zu vertrauen. Ein Grundeinkommen wäre in diesem Sinne ein politisches Signal. Mir ist allerdings bewusst, dass eine solche Sicht nur dem möglich ist, der ein positives Menschenbild vertritt.

VDI nachrichten: Wie muss die Ausbildung junger Menschen in Zukunft aussehen?

Künftig wird es immer wichtiger, nicht nur Fachmann in einem ganz engen Bereich zu sein. Man muss noch mehr als bisher in jedem Bereich ein breites Spektrum fachübergreifender Kompetenzen mitbringen und dieses ständig weiter ausbauen. Hinzu kommt, dass Menschen nicht ihr gesamtes Erwerbsleben mit einem einmal erlernten Standardberuf auskommen werden. Sie müssen sich vielmehr im Sinne einer Orientierung an den eigenen Interessen und Fähigkeiten kontinuierlich weiterentwickeln und immer wieder neu zu einem geschlossenen vermarktbaren Qualifikationsprofil konfigurieren. Dies ist für mich eine neue Art von Beruf jenseits der bisherigen Standardberufe "von der Stange" unseres Bildungssystems. Erwerbstätige müssen sich in fast allen Bereichen zunehmend als kleine "Unternehmer ihrer selbst" verhalten, als "Arbeitskraftunternehmer". Eine Entwicklung, die für manche Vorteile, für nicht wenige aber auch Probleme mit sich bringt. 

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Von Evdoxia Tsakiridou | Präsentiert von VDI Logo
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