21.03.2013, 12:49 Uhr | 1 |

5,5 % sind angemessen IG Metall: Wir werden die Auslagerung von Arbeit regulieren

Die IG Metall will trotz des Widerstandes der Arbeitgeber auf eine Regulierung der zunehmenden Auslagerung von Arbeiten durch Werkverträge bestehen. Ähnlich wie die inzwischen erreichte Regulierung der Leiharbeit führe daran kein Weg vorbei, sagte der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Detlef Wetzel, den VDI nachrichten. Zudem verteidigt Wetzel die Tarifforderung von 5,5 %.

Detlev Wetzel, Vize-Chef der IG Metall
Á

Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, verteidigt die Lohnforderungen von 5,5 %. Außerdem werde sich die Gewerkschaft um die starke Zunahme von Werkverträgen kümmern, die meist zu Lasten der Beschäftigten gehen.

Foto: IG Metall

„Wir kritisieren, dass wesentliche Teile der Wertschöpfungskette ausgelagert und dann von Menschen erledigt werden, die bis zu 60 % weniger verdienen als zuvor bezahlt wurde“, sagte Wetzel den VDI nachrichten. Die Bedingungen bei Werkverträgen seien für die Beschäftigten tendenziell schlechter als zuvor.

„Entwicklungsdienstleister z. B. bekommen mit Werkvertrag ein Drittel weniger als im Flächentarif der Metall- und Elektroindustrie“, kritisiert Wetzel. „Zwei Drittel liegen auf dem Tarifniveau, viele aber nicht rechtssicher auf tarifvertraglicher Grundlage.“ In einer Regelung mit den Arbeitgebern wolle die IG Metall nicht „eine sinnvolle auf Spezialfertigung abgestellte Arbeitsteilung“ verhindern. „Aber sie soll unter fairen Bedingungen stattfinden."

Deshalb kündigte Wetzel bis September eine genaue Prüfung ab, wie viele Unternehmen welche Arbeiten zu welchen Bedingungen durch Werkverträge auslagern. Anschließend wolle man mit den Arbeitgebern zu einer Lösung kommen. „Die Arbeitgeber werden sich der Regulierung der Werkverträge genauso beugen müssen wie bei der Leiharbeit.“

Hier lesen Sie das Interview im Wortlaut:

VDI nachrichten: Die IG Metall fordert 5,5 % mehr Entgelt. Passt das zur Lage der Branche? 2012 ist die Produktivität gesunken, die Lohnstückkosten sind gestiegen.

Wetzel: Die Tarifpolitik der IG Metall ist kontinuierlich und verlässlich angelegt. Wir rechnen für 2013 mit einem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs von rund 1,5 %, einer Erhöhung der Verbraucherpreise um 2 %. Zudem verlangen wir 2 % zur Stützung der Konjunktur und des Binnenmarktes.

Warum richten Sie die Tarifpolitik an der gesamtwirtschaftlichen und nicht an der Branchenproduktivität aus, die langfristig höher ist?

Unser Anspruch ist, gesamtgesellschaftlich verantwortungsvoll zu handeln. Alle Beschäftigten sollen im gleichen Umfang am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben. Die Produktivität in der Metall- und Elektroindustrie schwankt von Jahr zu Jahr. Wir haben der Versuchung widerstanden, uns in guten Jahren an der Branche und in schlechten an der Gesamtwirtschaft zu orientieren. Unser Ansatz der gesamtwirtschaftlichen Produktivität gleicht die Unterschiede in der Metall- und Elektroindustrie am besten aus. Die Tarifpolitik der IG Metall richtet sich nicht an den besten und nicht an den schlechtesten aus, sondern an den 80 % in der Mitte. Da passen 5,5 % in die Situation.

Sie streben einen Abschluss für zwölf Monate an. Nehmen Sie auch eine längere Laufzeit in Kauf, um eine stärkere prozentuale Erhöhung zu bekommen?

Eine kurze Laufzeit von zwölf Monaten ist wegen der derzeit starken Wirtschaftsschwankungen sinnvoll und für beide Seiten ein überschaubarer Zeitraum. Ob wir uns darauf einigen können, muss man am Ende des Tages sehen. In der Vergangenheit gab es nur Tarifabschlüsse mit längeren Laufzeiten, wenn das Gesamtergebnis gepasst hat.

In den vergangenen Jahren sind Tariferhöhungen nicht mehr in vollem Umfang bei den Beschäftigten angekommen. Woran liegt das?

Abschlüsse gelten in Unternehmen, die tarifgebunden sind. Das gilt für die meisten Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Gerade durch Ausgliederungen und Werkvertragsarbeit werden Tätigkeiten auch in Unternehmen ohne Tarifbindung verlagert und damit Tarifverträge unterlaufen. Das erklärt dort die Differenz zwischen Tariflöhnen und den tatsächlich gezahlten Entgelten.

Sind nicht auch Öffnungsklauseln und längere Arbeitszeiten, die zu niedrigeren Stundenentgelten führen, Ursachen für diese Lohndrift?

Diese Fälle gibt es, die machen sich statistisch aber nicht gravierend bemerkbar. Im Unterschied zu den 90er-Jahren können auch übertarifliche Zulagen nicht mehr mit Tariferhöhungen verrechnet werden, weil es diese Zulagen kaum mehr gibt

Was machen Sie, um diese Differenz zu verringern?

Die IG Metall holt jährlich mehrere hundert Firmen in die Tarifbindung zurück, z. B. über Anerkennungs- oder Haustarifverträge. Zudem appellieren wir an die Vernunft der Arbeitgeber, dass sie in ihren Verbänden Organisationen ohne Tarifbindung nicht mehr zulassen. Ich habe den Eindruck, dass viele mittlerweile die Tarifflucht auch als Irrweg ansehen.

Wie hoch ist der Anteil der Metall- und Elektrounternehmen, die tarifgebunden sind?

Hier ist weniger die Zahl der Unternehmen interessant, als die der tarifgebundenen Beschäftigten. Die Tarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie werden für über 75 % der Beschäftigten angewandt. Im Westen ist die Tarifbindung höher als im Osten, Konzerne und große Mittelständler sind häufiger tarifgebunden als kleinere Unternehmen.

Wird künftig China für deutsche Firmen der bestimmende Absatzmarkt sein?

Einige Branchen, z. B. die Automobilindustrie, sind stark im China-Geschäft engagiert. Insgesamt aber wird auf absehbare Zeit der chinesische Markt für deutsche Unternehmen nicht größer sein als der europäische. Derzeit gehen rund 6 % der deutschen Exporte nach China, aber fast 60 % in die EU. Die bestimmende Größe für den Wohlstand in Deutschland ist immer noch Europa.

Chinesische Unternehmen treten aber auch als Konkurrenten deutscher Unternehmen auf.

Gegen die chinesische Konkurrenz hilft nur ein „Besser statt billiger“. Wir brauchen innovative Produkte, qualifizierte und motivierte Belegschaften, um unseren Technologievorsprung zu erhalten. Was Flexibilität angeht, haben wir tariflich keinen Nachholbedarf. Da sind wir wahrscheinlich schon Weltmeister, was sich übrigens in der letzten Wirtschaftskrise sehr bewährt hat.

Wie hoch ist derzeit der Anteil der Löhne am Umsatz in der Metall- und Elektroindustrie?

Im Schnitt liegt er bei rund 17 %. Die Unterschiede sind, je nach Wirtschaftszweig, sehr groß. In manchen Unternehmen beträgt der Lohnanteil 50 %, in anderen ist er sehr viel geringer, in der Autoindustrie liegt er bei rund 12 %. Für die Kosten sind andere Faktoren wichtiger, z. B. Rohstoffe oder Energie.

Diese Kosten sind für Unternehmen aber nicht so leicht zu beeinflussen wie die Löhne.

Das stimmt. In der Stahlindustrie werden die Kosten zu 80 % durch Rohstoffe bestimmt, nur zu 8 % vom Lohn. Wettbewerbssprünge kann man nicht machen, wenn man den Lohnanteil von 8 % auf 7,8 % reduziert, sondern indem man den Löwenanteil der Kosten senkt. In Sachen Ressourceneffizienz sehe ich noch viel Potenzial. Wir haben dazu gerade unseren Betriebsräten ein Informationspaket zur Verfügung gestellt.

Noch hat die IG Metall die Rente mit 67 nicht richtig verdaut, da soll nach dem Willen der Koalition das Renteneintrittsalter bis 2060 auf 69 Jahre angehoben werden. Wird die IG Metall ihre Mitglieder mobilisieren?

Warum wird dazu nicht eine ernsthafte Debatte geführt? Jeder, der will, gesundheitlich dazu in der Lage ist und vom Arbeitgeber gelassen wird, soll länger arbeiten dürfen. Die anderen müssen früher und unter fairen Bedingungen aus dem Arbeitsleben ausscheiden können. Da verbieten sich Faustformeln wie jene, die Hälfte der steigenden Lebenserwartung in eine längere Lebensarbeitszeit umzusetzen. Die Rente mit 69 führt nur zur weiteren Senkung des Rentenniveaus und der Lohnzusatzkosten. Das ist der Grund, warum manche sie einführen wollen, nicht allein die demografische Entwicklung.

Was ist für die IG Metall an Werkverträgen problematisch?

Wir kritisieren, dass wesentliche Teile der Wertschöpfungskette ausgelagert und dann von Menschen erledigt werden, die bis zu 60 % weniger verdienen als zuvor bezahlt wurde. Das ist das Kernproblem. Es geht der IG Metall nicht um Werkverträge, die an branchenfremde Firmen vergeben werden, z. B. für den Bau einer Halle oder die Reparatur eines Dachs.

Beschäftigte mit Werkvertrag verdienen z. T. mehr als im Tarif.

Das gibt es auch. Wenn aber die Lage etwas schwierig wird, sind sie gerne im Tarifvertrag. Die Spannbreite bei Werkverträgen ist sehr groß, die Bedingungen sind tendenziell schlechter. Entwicklungsdienstleister z. B. bekommen mit Werkvertrag ein Drittel weniger als im Flächentarif der Metall- und Elektroindustrie. Zwei Drittel liegen auf dem Tarifniveau, viele aber nicht rechtssicher auf tarifvertraglicher Grundlage. Das ist keine Absage an eine sinnvolle auf Spezialfertigung abgestellte Arbeitsteilung, aber sie soll unter fairen Bedingungen stattfinden.

Die IG Metall will die Praxis der Werkverträge unter die Lupe nehmen. Was planen Sie?

Es soll zunächst eine Bestandsaufnahme zu den Wertschöpfungsketten in der Metall- und Elektroindustrie geben: Dabei geht es um Auslagerungen, welche Unternehmen, welche Beschäftigten betroffen sind, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird und wie die Arbeitsorganisation aussieht. Das soll flächendeckend bis September fertig sein.

Die Arbeitgeber sehen keinen Bedarf, Werkverträge zu regulieren. Es liege in der Verantwortung des Unternehmers, wen er einsetze.

Das ist das gleiche Argument, das gegen die Regulierung der Leiharbeit angeführt wurde. Bei der Regulierung der Werkverträge spielt nicht nur der Aspekt der Gerechtigkeit eine Rolle, sondern auch eine ökonomische Überlegung: Welche Folgen hat es, wenn fünf oder sechs unterschiedliche Firmen auf dem Werksgelände tätig sind? Das gibt es heute schon auf Flughäfen und die Arbeitgeber halten davon nicht viel. Sonst gäbe es nicht die Debatte über Tarifeinheit. Die Arbeitgeber werden sich der Regulierung der Werkverträge genauso beugen müssen wie bei der Leiharbeit.

Stichwort Managementvergütung: Haben Arbeitnehmernehmervertreter mit der Kapitalseite im Aufsichtsrat gekungelt und hohe Bezüge abgenickt?

Ich weiß nicht, wie eine solche Debatte hochkommen kann. Kritische Diskussionen in Aufsichtsräten werden überwiegend durch die Arbeitnehmervertreter geführt. Dabei geht es uns nicht nur um die Höhe, es geht auch um die Kriterien. Mittelfristige Wertsteigerung, Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit müssen bei den variablen Teilen der Managergehälter berücksichtigt werden. Schließlich darf man nicht vergessen: Im Aufsichtsrat, wo die Vergütung festgelegt wird, sind die Sitze zwar paritätisch vergeben, aber der Vorsitzende, der von den Kapitaleignern gestellt wird, hat ein doppeltes Stimmrecht.

Dann können Sie doch sagen: Wir tragen das nicht mit. Dann muss die Kapitalseite die Vergütung beschließen.

Wer sagt, dass das nicht passiert?

Das könnten Sie auch gegenüber der Öffentlichkeit darstellen.

Interna aus einer Aufsichtsratssitzung dürfen nicht nach außen getragen werden. Das hätte rechtliche Folgen für jedes Aufsichtsratsmitglied. Die Gewerkschaften sind hier aktiver als das außen wahrgenommen wird.

Wie beurteilen Sie die Schweizer Initiative zur Vergütung von Managern?

Es ist gut, dass die zum Teil irrwitzigen Managervergütungen auf die öffentliche Agenda kommen. Nur sind Scheinlösungen nicht hilfreich. In der Schweiz soll künftig die Hauptversammlung über die Vergütung des Managements entscheiden. Dort haben große Fonds und Banken das Sagen. Es ist deshalb damit zu rechnen, dass sich die Unternehmen dann noch stärker an kurzfristigen Zielen ausrichten. Es verheißt auch nichts Gutes, wenn die Kanzlerin diese Idee aufgreift.

Wie sollte nach Ansicht der IG Metall die Vergütung geregelt sein?

Wir halten es für falsch, den variablen Anteil zu erhöhen und das Festgehalt zu senken. Das Kriterium für die Manager-Bezahlung dürfen nicht Kurzfristgewinne und Momentaufnahmen des Börsenwertes sein, sondern eine auf langfristige Wertsteigerung und die Zufriedenheit von Beschäftigen und Kunden ausgerichtete Unternehmenspolitik.

Eine Untersuchung der Fachhochschule Frankfurt/M. hat festgestellt, dass Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten formal schlechter qualifiziert sind als die Vertreter der Kapitalseite. Ist das für Sie ein Problem?

Nein. Die Qualität der Aufsichtsratsbeschlüsse hängt nicht von der formalen Qualifikation oder der Zahl der Akademiker ab. Auch akademisch hervorragend ausgebildete Aufsichtsräte garantieren allein nicht schon gute Beschlüsse. Die Arbeitnehmervertreter kennen sich dafür besonders mit der realen Lage in den Betrieben und der Lebenswirklichkeit der Beschäftigten aus. Sie kennen die Situation des Unternehmens und können kompetent die Interessen der Arbeitnehmer einbringen.

Kann man ohne gute Kenntnisse in Betriebsführung auf Augenhöhe mit den Kapitalvertretern reden? 

Meine Erfahrung ist: Die entscheidenden Fragen über die Zukunft eines Unternehmens hängen nicht davon ab, wie tief die betriebswirtschaftlichen oder die juristischen Kenntnisse sind. Da geht es um erfolgreiche Unternehmensstrategien, um die Frage, wie man ein Unternehmen gut aufstellt. Natürlich bekommt jeder Arbeitnehmervertreter eine Bilanzanalyse, mit der er entsprechend argumentieren kann.

Anzeige
Von Hartmut Steiger | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare
22.03.2013, 02:01 Uhr Autokrakowski
Richtig so, Herr Wetzel!
Was haben Sie eigentlich in den vergangenen Jahren so gemacht, in der „bleiernen“ Zeit, also der Agenda 2010...
Sind Sie etwa der SPD/Grünen/CDU/CSU/FDP, sprich dem Gazprom-Gerd, „Mutti“ Merkel in dem „Allerwertesten“ gekrochen...?!
Mal abwarten was kommt, denn die derzeitigen Zustände sind unerträglich und können jede Demokratie ins Wanken bringen!
Machen Sie ordentlich Druck auf diese ReGIERung!
Bitte keine Phrasen mehr, sondern sichtbare Taten müssen folgen!

Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden