15.03.2013, 13:59 Uhr | 0 |

Karriere Familien brauchen eine neue "Normalarbeit"

Der Staat mischt sich in die Familien ein, hilft ihnen aber nicht bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In der Unternehmensrealität fehlen die Konzepte, um Frauen wie Männern gleichermaßen gerecht zu werden. "Wir brauchen ein neues Konzept der Vollzeitarbeit", forderten Wissenschaftlerinnen in Kassel.

Familien brauchen eine neue "Normalarbeit"
Á

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist weiterhin problemmatisch. In den Unternehmen fehlen Konzepte.

Foto: Archiv VDI nachrichten

Equal Pay heißt die Zauberformel, mit der Gesamtmetall Mädchen und junge Frauen für technische Berufe gewinnen will. "Unsere Tarifverträge sehen selbstverständlich keine unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen vor. Wir können junge Frauen nur ermutigen: Wählt technische Berufe. Aus gleicher Arbeit folgt auch gleiches Geld", heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung des Arbeitgeberverbandes zum Weltfrauentag.

"Wir leben in radikaler Umbruchsituation"

Geschlechtergerechtigkeit ist aber nicht nur eine Frage gleicher Bezahlung. Wer Frauen in die Unternehmen holen und Männer motivieren will, muss sich umfassendere Konzepte ausdenken. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Für unsere Großeltern war die Sache klar: Er brachte das Geld nach Hause, sie kümmerte sich um Kinder und Haushalt. Dieses Konzept war für alle Beteiligten – Ernährer, Hausfrau und Arbeitgeber – wenn nicht immer befriedigend, so doch leicht durchschaubar, Rollenverteilung und Aufgabenbereich waren eindeutig.

Kaum einer wird in diese Zeiten zurück wollen, weder Frauen noch Männer. Denn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist keineswegs nur ein weibliches Bedürfnis. Die Zahl der Studien, in denen Männer ihren Wunsch nach größerer Nähe zu Partner und Kindern ausdrücken, ist groß. "Wir leben in einer radikalen Umbruchsituation. Viele Fragen des Lebens stellen sich auf neue Weise", fasste Kerstin Jürgens, Gastgeberin der sozialwissenschaftlichen Tagung "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" in Kassel zusammen.

Die Trias von Erwerbsarbeit, Sozialstaat und Familie greife nicht mehr, sagte Kerstin Jürgens. Arbeit werde immer unsicherer, in vielen Familien sei das Zweitverdienermodell kein Wunschkonzept, sondern finanzielle Notwendigkeit.

Staat stellt keine angemessene Infrastruktur zur Verfügung

Der Staat mische sich zunehmend in die Familienpolitik ein, ließe die Familien aber gleichzeitig mit ihren Problemen allein, weil er keine angemessene Infrastruktur zur Verfügung stelle. Dabei wüchsen die Herausforderungen stetig, etwa durch die Sorge um die eigenen, pflegebedürftigen Eltern.

Im Zentrum der Kasseler Diskussion stand die Frage nach neuen Arbeitskonzepten, und das nicht allein die Arbeitszeit, sondern auch die Arbeitsbelastung betreffend. "Die Krankenkassen berichten zunehmend von der Überbelastung am Arbeitsplatz. Und das ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Die Arbeitswelt hinterlässt ihre Spuren." So traurig dies sei, meinte Kerstin Jürgens, so geeignet seien diese Meldungen, um zur Debatte um eine neue "Normalarbeit" anzuregen. Denn die, so die Teilnehmer unisono, müsse sich radikal ändern.

Denn die zeitliche Spreizung zwischen den Arbeitsmodellen geht immer weiter auseinander und lässt sich tendenziell in "männliche" Vollarbeitszeit und "weibliche" Teilzeitarbeit aufteilen, erläuterte Christina Klenner vom Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "In Deutschland ist in den vergangenen Jahren ein steiler Anstieg der Arbeitszeiten von Vollzeitbeschäftigten zu registrieren, mit einer Tendenz zur Ausdehnung der vereinbarten Arbeitszeiten."

Teilzeitarbeit ist weiblich

Dabei arbeiteten Väter am Tag länger als Männer ohne Kinder, hoch Qualifizierte kommen später nach Hause als Kollegen auf den mittleren und unteren Firmenebenen. Im Gegenzug sinke die Zahl der vollzeiterwerbstätigen Frauen, während immer mehr Frauen auf Stellen mit weniger als 20 Stunden arbeiteten.

Diese politisch beförderte "asymmetrische Arbeitsteilung" zwänge auch Partner, die fest an egalitäre Lebensformen mit gleichen Karrierechancen für beide glauben, in traditionelle Rollenmodelle – Mann ist Ernährer, Frau ist Hausfrau und Mutter – zurück.

"Wir brauchen deshalb ein neues Vollzeitkonzept", forderte Christina Klenner. Leider sei man von einer 30-Stundenwoche, die beiden Partnern Karriere und Familie ermögliche, weit entfernt. Andere Länder, in denen hoch Qualifizierte zeitlich kürzer arbeiten, machten es vor: "Ingenieure müssen nicht zwangsläufig bis in den Abend arbeiten."

Von einer "lebensphasenorientierten Arbeitszeitgestaltung", so Christina Klenner, könnten neben den Kindern auch die Arbeitnehmer selbst profitieren, die nicht nur für den Nachwuchs, sondern auch in "schwierigen Lebensphasen" Auszeiten nähmen.

Die wachsende Zahl der Kitaplätze, die Unternehmen vor allem für ihre "klugen Köpfe" bereitstellten, und das Angebot flexibler Arbeitszeiten sei begrüßenswert, sagt Klenner, dafür forderten Arbeitgeber aber häufig kraft- und zeitraubendes Engagement. "Ob das letztlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert, sei dahingestellt. Was familienfreundlich daherkommt, ist es oft nicht."

Karin Jurczyk vom Deutschen Jugendinstitut sieht weniger in der Reduzierung der Arbeitszeit als in einer Anpassung der Infrastrukturen an die Arbeits-, vor allem aber an die Familienrealität den größten Nachholbedarf. Es werde für Vater und Mutter immer schwieriger, dem Nachwuchs eine schöne Kindheit zu bieten. "Die Ansprüche an Partner und Eltern wachsen, die Zeit füreinander wird geringer."

Familien unter Druck

Die Erwartung des Arbeitgebers, dass Mitarbeiter ständig erreichbar und bereit zur Mobilität sind, setze Familien unter Druck. Hinzu käme der Zwang zur Weiterbildung, um die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten. Zu allem Übel spiele sich dieses Szenario immer häufiger in Patchworkfamilien ab, deren einzelne Mitglieder nicht selten in verschiedenen Regionen lebten.

Früher habe der Staat helfend eingegriffen, heute seien die Familien sich weitgehend selbst überlassen. Karin Jurczyk: "Familienleben ist heute nicht mehr selbstverständlich, es ist eine aufwendige Herstellungsleistung." Die Soziologin schlägt "eine neue Normalität" und "Carezeitbudgets" vor, in denen man immer wieder – "wenn man schon bis 67 arbeiten muss" – aus dem Berufsleben ausscheren oder dieses wahlweise intensivieren könne. Wichtig sei, dass dies in ein "Gesamtkonzept" gefasst sei und nicht "Stückwerk" bliebe.

Mit der Globalisierung, mit arbeitsmarktpolitischen und ökonomischen Tendenzen gehe der Trend bedauerlicherweise nicht in Richtung Fürsorge sowie "gutes Leben und gute Arbeit", sondern in die andere Richtung, sagte Christine Wimbauer, Soziologin an der Universität Duisburg-Essen.

"Angesichts dieser Ökonomisierungstendenzen und der Veränderungen der Arbeitswelt – immer mehr Arbeit für wenige, immer weniger Arbeit für viele –" sollte man sich Gedanken machen über das Verhältnis von Arbeit und Leben und über Alternativen zur Erwerbsarbeit als Lebensmittelpunkt. Kurz gesagt: "Der Beruf sollte im Leben nicht das Wichtigste sein." 

Anzeige
Von Wolfgang Schmitz | Präsentiert von VDI Logo
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden