19.04.2013, 10:59 Uhr | 0 |

Karriere Ein Ingenieur für "Don Giovanni"

Wenn sich abends zur Premiere der Vorhang hebt, hat Jan Hugenroth seine Arbeit schon getan. Als Produktionsleiter an der Deutschen Oper am Rhein befasst er sich mit der Umsetzung von Bühnenbildern. Eine Arbeit, bei der Kunst und Technik aufeinandertreffen.

Ein Ingenieur für "Don Giovanni" - Teaser
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Ingenieur Jan Hugenroth ist als Produktionsleiter ein wichtiges Rad im Getriebe der Deutschen Oper am Rhein.

Foto: Zillmann

Ingenieur Jan Hugenroth ist als Produktionsleiter ein wichtiges Rad im Getriebe der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Zillmann

Ein wuchtiges Zahnrad taucht aus dem Bühnenboden auf, ein weiteres senkt sich von oben herab. Eine Stahlempore bildet den Hintergrund dieser gewaltigen Industriekulisse. Sie ist Teil des Musiktheaterstückes "SehnsuchtMeer" des Komponisten Helmut Oehring, das im März an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf uraufgeführt wurde.

Wer das Glück hat, vor oder nach einer solchen Vorstellung einen Blick hinter die Kulissen und auf die Bühnentechnik zu werfen, gerät ins Staunen. Allein die Untermaschinerie ist ein Technikfundus: Sie reicht 6 m in die Tiefe und beherbergt fünf Doppelstockpodien für die Bühne, drei weitere für das Orchester.

Lange Schluchten, unzählige Stahlseile, Kabel und Schalter – ein gigantischer Apparat im Bauch des Opernhauses, der fast jeden Abend in Gang gesetzt wird.

Damit Inszenierungen wie "SehnsuchtMeer" oder Opernklassiker wie "Don Giovanni" und "Carmen" auf die Düsseldorfer Bühne kommen können, braucht es jede Menge helfende Hände. Zwei davon gehören Jan Hugenroth: Als Produktionsleiter an der Deutschen Oper am Rhein plant und koordiniert er die Umsetzung von Bühnenbildern.

Auf seine Aufgaben hat sich Jan Hugenroth durch das Studium der Theater- und Veranstaltungstechnik an der Beuth Hochschule in Berlin vorbereitet: ein Studiengang, mit dem er seine Kunstbegeisterung und sein Technikinteresse ideal miteinander verbinden konnte. Über die Umwege an den Münchner Kammerspielen und der Frankfurter Oper kam Hugenroth schließlich ins Rheinland.

Seit fast vier Jahren betreut er inzwischen zusammen mit seinem Kollegen Thomas Schäfer die Produktionen an den zwei Spielstätten in Düsseldorf und Duisburg, die zur Theatergemeinschaft der Rheinoper gehören. Drei bis vier Stücke sind das für den Ingenieur in der Regel zur gleichen Zeit. Und bei jedem hat er es mit neuen Rahmenbedingungen und mit wechselnden Regisseuren und Bühnenbildnern zu tun.

Mit ihnen findet zu Beginn des Produktionsprozesses, etwa ein halbes Jahr im Voraus, eine Bauprobe inklusive Vor- und Nachbesprechung statt. Hier werden die ersten Ideen für das Bühnenbild zur Sprache und auf Papier gebracht. "Schon diese erste Phase ist oft eine Gratwanderung", sagt Jan Hugenroth. "Zwischen dem, was künstlerisch gewünscht, und dem, was technisch machbar ist."

Bei der Ballettproduktion "Ein Deutsches Requiem" wurde der Chor auf einer Empore platziert, die insgesamt 12 m überspannt. Für solche Konstruktionen bleibt häufig nur eine kurze Vorbereitungszeit. Denn die Kapazitäten im Produktionszentrum in Duisburg, wo alle Bühnenbilder der Rheinoper angefertigt werden, sind begrenzt. Und wie so oft im Kulturbereich sollten auch hier die Kosten für das Bühnenbild den vorgegebenen Budgetrahmen nicht sprengen.

In all diesen Fällen müssen Lösungen her, mit denen sich Bühnenbildner, Regisseure sowie die technische und kaufmännische Abteilung des Opernhauses arrangieren können. Für den Produktionsleiter heißt das immer wieder aufs Neue: Interessen abwägen und – wenn nötig – die Wogen glätten. Für alle, die am Produktionsprozess beteiligt sind, ist er der erste Ansprechpartner. Gleichzeitig muss er den Budgetrahmen im Blick behalten und die nächsten Schritte koordinieren. "Der Großteil meiner Arbeit ist reine Organisation", erläutert Jan Hugenroth.

Sobald erste Lösungen für den Entwurf des Bühnenbildes vom Technikteam gefunden sind, fertigt der Bühnenbildner die Zeichnungen mit den Gesamtmaßen an.

Bei komplizierteren Fällen helfen puppenhausgroße 3D-Modelle den Mitarbeitern in den einzelnen Werkstätten, die räumliche Vorstellung zu erleichtern. Etwa das Schiffsmodell für die Kinderoper "Arche Noah", das erste Stück, für das Jan Hugenroth das Bühnenbild selbst entwarf.

Die Doppelrolle aus Produktionsleiter und Bühnenbildner sei eine große Herausforderung, meint der 37-Jährige. "Denn hier muss ich selbst von Anfang an zweigleisig vorgehen, die künstlerischen und technischen Aspekte gleichzeitig berücksichtigen."

Gut, dass da immer noch jemand mitdenkt und -plant: Ingenieur Daniel Reglin ist der Konstrukteur der Rheinoper. Für sämtliche Produktionen entwickelt er am PC anhand der Zeichnungen ein maßstabsgetreues CAD-Modell des Bühnenbildes. Er ist es auch, der rechtzeitig vor Baubeginn eingreift, etwa wenn ein Element zu groß oder zu klein bemessen wurde oder wenn es statisch nicht das hält, was der Bühnenbildner sich verspricht.

Etwa zehn Wochen vor Spielstart eines Stückes beginnt die Bauphase, in der die Werkstätten im Produktionszentrum ihre Arbeit aufnehmen. Da aber ständig neue Inszenierungen auf dem Programm der Rheinoper stehen, ist dies ein Dauerzustand.

Bei einem Streifzug durch die Werkstätten trifft man immer wieder auf Jan Hugenroth, vertieft in ein Gespräch mit einem Maler, Tischler oder Bühnenbildner. Viel Arbeit, die manchmal für die Katz' ist. So wurde für eine Ballettproduktion ein 3 m großer Affenkopf aus Styropor geschnitzt, der sich aber im Laufe der Proben als überflüssig erwies, berichtet Hugenroth. "Solche Erfahrungen sind manchmal frustrierend – aber eben Teil des Gesamtprozesses."

Das Produktionszentrum in Duisburg ist auch der Ort, an dem die Darsteller ihre Stücke anfangs proben. Die Nähe zu den Werkstätten ist hilfreich, da die zwei großen Probebühnen bei Bedarf schnell mit den bereits fertiggestellten Requisiten ausgestattet werden können.

Bei der "technischen Einrichtung", der eigentlichen Umsetzung des Bühnenbildes im Opernhaus, zeigt sich endgültig, ob alle Bauteile und Dekorationselemente an ihrem Platz sind und den vielfältigen Anforderungen genügen.

Einen ganzen Tag kann allein der Aufbau in Anspruch nehmen. Jan Hugenroth muss in dieser Phase schnelle Entscheidungen treffen, da die gesamte Kulisse schon wenige Wochen später für die Hauptproben genutzt wird. Sänger und Tänzer, Bühnentechniker und Beleuchter, Tonmeister und Orchester – sie alle müssen dann auf und mit der Bühne arbeiten können.

Zudem dürfen die technischen Vorbereitungen nicht mit anderen Stücken kollidieren, die parallel dazu vorbereitet oder aufgeführt werden. Aber es gibt Ausnahmen: "Wenn es sich nicht anders organisieren lässt, müssen die Balletttänzer auch mal in der Kulisse von ‚Tosca‘ proben", so Hugenroth.

Nach der etwa dreiwöchigen Probenzeit mit anschließender Generalprobe ist das Stück reif fürs verwöhnte Düsseldorfer Publikum – und die Arbeit des Produktionsleiters erledigt. "Zu diesem Zeitpunkt wird mir klar, dass ich zu dem jeweiligen Kunstwerk einen großen Teil beigetragen habe. Und das ist das Schöne an meinem Beruf", sagt der Ingenieur. Wenn dann am Abend im Opernsaal der Applaus losbricht, dürfte der also auch ihm gelten. ELENA WINTER

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