18.06.2013, 12:45 Uhr | 0 |

Einkommen Der Ernährerlohn ist auf dem Rückzug

Konnte in den Nachkriegsjahrzehnten ein Durchschnittsverdiener noch alleine seiner Familie einen mittleren Lebensstandard bieten, so wird dies nach einer neuen Studie der Uni Bremen immer seltener möglich. Ursache ist die verhaltene Lohnentwicklung.

Nur noch eine Münze in der Geldbörse.
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Das Geld wird knapp. Immer seltener reicht es, wenn es in der Familie nur einen Ernährer gibt. 

Foto: EU-Kommission

Ein Normalarbeitsverhältnis reicht in der Bundesrepublik Deutschland immer seltener aus, einer vierköpfigen Familie einen mittleren Lebensstandard (siehe Kasten) zu erwirtschaften. Im Osten Deutschlands wird damit nur in den seltensten Fällen überhaupt die Armutsgrenze überschritten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) und des Zentrums für Sozialpolitik (ZeS) der Uni Bremen. Die Analyse von Irene Dingeldey und Ina Berninger entstand im Rahmen eines von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projektes.

"In Familienhaushalten sind heute meist zwei Einkommen erforderlich, um einen mittleren Lebensstandard zu erreichen", sagt Dingeldey. Im Westen Deutschlands gelinge es zwar noch einem überwiegenden Teil der Vollzeitbeschäftigten, die Familie mit nur einem Einkommen oberhalb der Armutsgrenze zu halten, im Osten sehe die Lage indes deutlich düsterer aus. Dort würden nur rund 20 % der Paarfamilien (Eltern mit zwei Kindern) mit dem Nettoeinkommen eines Vollzeitbeschäftigten die Armutsgefährdungsgrenze überschreiten.

Ein mittlerer Lebensstandard werde auch im Westen von nur 25 % der im Normalarbeitsverhältnis stehenden Familienväter allein durch ihr Einkommen erreicht. In den Fällen, wo nur die Frau vollzeitbeschäftigt ist, erreichen nur knapp mehr als 10 % der Familien das soziale Durchschnittsniveau.

Reallöhne vor allem bei sozialen Dienstleistungen gesunken

Die Gründe für diese Entwicklung seien vielfältig, so Dingeldey. "Bei den Metallern ist die Welt noch einigermaßen in Ordnung." Deren Gewerkschaft konnte meist gute Familienlöhne durchsetzen. In anderen Industriezweigen und vor allem im Dienstleistungssektor und öffentlichen Dienst sei der Ernährerlohn, von dem eine Familie allein leben muss, aber auf dem Rückzug. Die Kürzungspolitik habe vor allem bei sozialen Dienstleistungen die Reallöhne sinken lassen. "In den vergangenen 15 Jahren sind die Tariflöhne der Metaller um 67 % gestiegen, die der Altenpfleger um lediglich 20 %."

Die Faustregel, dass die Löhne mit der Produktivität wachsen sollen, sei auf den Dienstleistungssektor kaum anzuwenden, weil dort das Produktivitätswachstum schwer zu messen sei. Jedoch: "In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Gewerkschaften kämpferischer gezeigt als in der Zeit davor", sagt Dingeldey. Die Verhandlungsstärke der Arbeitnehmer spiele eine große Rolle bei der Lohnfindung, und davon haben in der Vergangenheit auch schwächere Branchen mit geringerem Organisationsgrad profitiert. Bei nicht tariflich gebundenen Unternehmen und Branchen ist dieser Effekt jedoch kaum zu beobachten. Doch genau in diesen Branchen, meist Dienstleistungen, bröckeln die Löhne. Sie sind für den Trend weg vom Ernährerlohn von großer Bedeutung.

Produktivität und BIP auf höherem Niveau als vor der Krise

Nun befinden sich Produktivität und Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2012 laut Angaben des Statistischen Bundesamtes auf einem höheren Niveau als noch vor der Krise. "Theoretisch hätte das auch das Modell des Ernährerlohns stabilisieren können, allerdings sind die Löhne nicht proportional zur Produktivität mitgewachsen", so Dingeldey. Auffallend ist die Ungleichheit zwischen den Haushaltseinkommen, wie der Verteilungs-Monitor zeigt, den das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung aktuell erstellt hat.

Darin wird deutlich, dass zwischen 1991 und 2010 die Haushaltseinkommen inflationsbereinigt um fast 8 % gestiegen sind. Dabei hat das untere Drittel zwischen 2000 und 2010 reale Einkommensrückgänge, die obere Hälfte dagegen Einkommenszuwächse zu verzeichnen. Besonders die oberen 10 % der Haushalte stechen mit einer realen Steigerung von mehr als 12 % deutlich hervor.

Angesichts der guten Arbeitsmarktentwicklung wäre für die vergangenen Jahre ein starker Rückgang bei der Einkommens-Ungleichheit zu erwarten gewesen, sagt Daniel Schmid vom IMK. Einer der Gründe dafür, dass dieser Rückgang ausgeblieben ist, seien die schwächer wirkenden staatlichen Umverteilungsmechanismen. Zuletzt soll die Ungleichheit indes wieder geringer geworden sein, wie IMK und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin feststellen. Doch gemessen an der Spreizung, wie sie sich zwischen 1992 und 2005 herausgebildet hat, sei die jüngste Kompression nur eine bescheidende Korrektur.   

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Von Lars Wallerang | Präsentiert von VDI Logo
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