20.04.2013, 11:59 Uhr | 0 |

Lohnerhöhungen angekündigt Arbeitgeber wollen Tarifvertrag mit flexiblen Elementen

Nach Ansicht von Metall-Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger muss bei den laufenden Tarifverhandlungen in Bayern und Baden-Württemberg ein Lohnabschluss erzielt werden, der sich an die Situation in den einzelnen Betrieben anpassen lässt. Dulger plädiert für variable Einmalzahlungen und die Möglichkeit, Lohnerhöhungen vorzuziehen oder aufzuschieben. Die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie sind am Freitag in Bayern und Baden-Württemberg in die zweite Runde gegangen. Bis Ende April schließen sich die Verhandlungen in den anderen Bezirken an.

Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall
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Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger hat Lohnerhöhungen für die Metall- und Elektroindustrie angekündigt, fordert aber je nach Lage der Unternehmen flexible Eröhungen.

Foto: Gesamtmetall

VDI nachrichten: Herr Dulger, Sie verlangen von der IG Metall, einen ungeschminkten Blick auf die deutsche Metall- und Elektroindustrie zu werfen. Wie sieht aus Ihrer Sicht ein ungeschminkter Blick aus?

Dulger: Wir sehen eine sehr unterschiedliche Lage. Es gibt Betriebe, denen es hervorragend geht, anderen geht es bescheiden. Mit dem Lohnabschluss müssen wir dieser differenzierten Lage gerecht werden. Was die weitere Entwicklung unserer Branche angeht, machen wir derzeit eine Seitwärtsbewegung. Wir rechnen 2013 nur mit einem minimalen Wachstum. Da passt eine Forderung von 5,5 % mehr Lohn nicht.

Die IG Metall erwartet für das laufende Jahr ein gesamtwirtschaftliches Produktivitätswachstum von 1,5 % und einen Anstieg der Verbraucherpreise von 2 %. Wie beurteilen Sie die Produktivitäts- und Inflationsentwicklung?

Die Metall- und Elektroindustrie muss sich am internationalen Wettbewerb messen. Nach einer aktuellen Allensbach-Umfrage sagen 77 % der Unternehmen, dass es deutlich schwieriger geworden sei, vorauszuschauen, als es noch in den vergangenen Jahren war. Zwei Drittel der Unternehmen, sagen, dass sich die Wettbewerbssituation enorm verschärft habe. Zwei Drittel der Unternehmen beklagen, dass die konjunkturellen Schwankungen stärker und die Zeiträume zwischen den Zyklen kürzer geworden seien. Wir haben es mit einer wesentlich komplexeren globalen Marktsituation zu tun als noch vor wenigen Jahren. Dem müssen wir mit einem Abschluss Rechnung tragen.

In jeder Lohnrunde spielt die künftige Entwicklung eine große Rolle.

Ja, aber künftige Trends lassen sich immer weniger aus der Vergangenheit fortschreiben. Zukunftsprognosen zu entwickeln, wird, wie erwähnt, immer schwieriger. Eines ist sicher: Es wird eine Entgeltsteigerung geben. Aber wir haben für 2013 nicht so viel Handlungsspielraum, wie die IG Metall nach außen hin behauptet.

Wie hoch schätzen Sie das Wachstum in diesem Jahr für die Metall- und Elektroindustrie ein?

Wir erwarten 2013 ein Wachstum von gerade einmal 0,5 %. Schon das setzt angesichts der schwachen Wintermonate eine kräftige Belebung voraus.

Es fallen immer wieder zwei Stichworte: Laufzeit und Flexibilität. Wo sehen Sie einen Lösungsweg?

Beides spielt eine Rolle, aber am wichtigsten ist ohne Zweifel die Flexibilität. Gerade in der derzeitigen heterogenen und angespannten Lage muss es möglich sein, einen Abschluss an die betrieblichen Gegebenheiten anzupassen.

Können Sie das nicht schon mit dem Pforzheimer Abschluss?

Pforzheim ist ein Kriseninstrument und dient der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes. Verfahren, Zweck und die Dimensionen der Abweichungsmöglichkeiten sind völlig andere als bei einem normalen Entgeltabschluss. Der Abschluss, über den wir jetzt verhandeln, muss beim Entgelt Flexibilisierungsmöglichkeiten enthalten, um den Tarifvertrag an die besondere Situation des Unternehmens anpassen zu können.

Was wollen Sie konkret?

Wir haben in den vergangenen Jahren Instrumente erprobt, die sich bewährt haben. So haben wir beispielsweise Erfahrungen damit gesammelt, den Zeitpunkt einer Entgelterhöhung vorzuziehen, wenn es gut läuft oder zu verschieben, wenn es weniger gut läuft. Es gab auch immer wieder variable Einmalzahlungen, die nicht in die Entgelttabelle eingehen und das Lohnniveau nicht dauerhaft anheben. Wir wünschen uns eine lange Laufzeit, weil das den Unternehmen Planungssicherheit gibt. Das ist den Unternehmen schon etwas wert.

Das bedeutet, die Lohnzahl fällt dann höher aus?

Das habe ich nicht gesagt. Am Ende kommt es immer auf das Gesamtpaket an.

Gesamtmetall will eine lange Laufzeit, der Metall-Arbeitgeberpräsident in Nordrhein-Westfalen eher eine kürzere angesichts der Unsicherheit in der Eurozone. Ziehen die Arbeitgeber nicht an einem Strang?

Das zeigt einmal mehr die heterogene Lage in unserer Industrie. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine stark mittelständisch geprägte Industrie, noch mehr jedenfalls als im Süden Deutschlands. Insofern fallen die Interessen zwar nicht auseinander, aber sie sind doch anders gewichtet.

Warum legen Sie die gesamtwirtschaftliche Produktivität zugrunde? Die Branchenproduktivität müsste die Lage in der Industrie doch besser abbilden.

Das war in der Vergangenheit so üblich und hat sich über viele Jahre bewährt, dabei bleiben wir. Das ist auch zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft nicht strittig.

Am 19. April wird in Bayern und Baden-Württemberg wieder verhandelt, in den anderen Bezirken in den Tagen darauf. Legen die Arbeitgeber jetzt ein Angebot vor?

Die Arbeitgeber werden ein Angebot vorlegen, wenn wir einen Konsens gefunden haben.

Sie sehen in den deutschen Industrieunternehmen die einzigen, die noch laufen können unter den Lahmen in Europa. Ist das nicht untertrieben, wo es in der Metall- und Elektroindustrie viele Weltmarktführer gibt?

Das ist meine Position in der Debatte, wonach Deutschland mit künstlichen Erschwernissen seine Wettbewerbsfähigkeit verschlechtern sollte. Zum Beispiel durch hohe Lohnsteigerungen, um den Krisenstaaten den Anschluss zu erleichtern. Das begreife ich nicht. Deutschland ist der größte Nettozahler in der EU. Das ist auch gut. Damit kann Ländern geholfen werden, die im Moment eine schwierige Phase durchmachen, vor allem kann den Menschen in diesen Ländern geholfen werden. Ich sehe nicht, wem es besser geht, wenn Deutschland weniger wettbewerbsfähig ist.

Sie plädieren für eine stärkere Zuwanderung von Arbeitskräften nach Deutschland. Nimmt es den Auswanderländern nicht Entwicklungschancen, wenn qualifizierte Kräfte das Land verlassen?

Das sehe ich nicht so. Für hoch Qualifizierte in Spanien oder Griechenland gibt es derzeit in ihren Heimatländern nicht genügend Beschäftigung. Dann ist es sinnvoll, wenn sie dort beschäftigt werden, wo Arbeit ist. Zuwanderung ist auch ein Thema, dass sehr lange in die Zukunft gesehen werden muss. In einem Land, in dem wir heute schon wissen, dass wir immer älter werden und dass die Bevölkerungszahl rückläufig ist, ist eine sinnvolle Einwanderungspolitik ein gutes Mittel.   H. STEIGER

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Von Hartmut Steiger | Präsentiert von VDI Logo
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